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Ðóññêèé
Wilhelm Brungardt |
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I. TEIL Erstes Kapitel KATRIN LINNEBERGER Der Siebenjährige Krieg in Deutschland hatte auch Langenreuth heruntergebracht. Die Bauern hatten kein Vieh mehr, die Handwerker keinen Verdienst. Die Dorfmusikanten Konrad Bauer und sein Sohn Sebastian, man nannte ihn einfach Seb, waren ganz und gar überflüssig geworden. Selten nur wollten die Leute in dieser Zeit tanzen, und die wenigen, die Lust dazu hatten, hatten kein Geld für die Musik. Mit schwerem Herzen entschied Seb stian Bauer, Langenreuth zu verlassen. Seine Eltern waren dagegen. Sie hatten Angst, er könnte in der Fremde verlo rengehen. Doch noch schwerer war es für Seb, sich von sei ner Tanzpartnerin, der liebreichen Marie, zu trennen Sebs Mutter weinte; er war ihr ältester Sohn, und das erste ihrer Kinder, das in die Fremde zog. Beim Abschied belehrte der Vater seinen Sohn: „Sei fleißig und verzage nicht, wenn es schwer wird Hilf denen, die Hilfe brauchen, und dir wird auch gehol fen. Grolle nicht, wenn dich jemand beleidigt. Sei nicht ohne Furcht: Der furchtlose Mensch ist immer in großer Gefahr.“ Sebastian eilte fortzukommen, um die Schwermut vom Abschied loszuwerden. Pläne für sein Leben in der Fremd hatte er nicht, nur ein festes Vorhaben, den Mut nicht zu verlieren und nicht enttäuscht und hilflos zurückzukehren Vor allem wollte er den Rhein erreichen. Er hatte oft ge hört, daß es an dem großen Strom lebhaft und fröhlich zugehe. Seb ging nicht gleich geradeaus, sondern machte einen Umweg durch das Neckartal, das ihm nahe am Herzen lag So manches unvergeßliche Erlebnis hatte er hier als Kind und Jüngling gehabt. Es war ihm, als müsse er dem Fluß das Gelöbnis geben, daß er in der Fremde ehrlich und tapfer mit allen Gefahren ringen und als Sieger heimkeh ren werde. Nur kurze Zeit blickte er auf das grüne Neckar tal, dann kehrte er um und ging eiligst fort. Ganz plötz lich und unerwartet stand Marie vor ihm. Sie schaute Seh sanft und treuherzig an. „Gehst du fort, Seb?" fragte sie. „Ja, wie du siehst, hab den Sack auf dem Rücken.“ „Kommst auch wieder?“ „Gewiß.“ „Bald?“ „Wie es sich schickt. Wenn man auszieht, weiß man nicht, wann man heimkehrt. In ein paar Jahren werden ja bessere Zeiten kommen, dann kann man sich zu Hause festsetzen.“ „Dann adé, Seb, viel Glückauf deiner Wanderschaft!“ Seb zog von Ort zu Ort. Er spielte überall, wo Menschen waren, auf dem Marktplatz, an den Stra?en, vor Kirchen und Kapellen. Es gab aber seinesgleichen so viele, daß hur wenig Belohnung von den Leuten zu erwarten war. Viele Menschen waren der Musik auch gar nicht geneigt. Sie wandten sich mürrisch ab oder fluchten böse über das Gefiedel, welches ihre Nerven nicht vertragen konnten. So kam Seb nach Koblenz am Rhein. In die Stadt zog er mit Spiel ein. Seb spielte das Allerbeste, was er konnte: Tänze, Melodien von Liebeswehen, Trauer und Leid, von Sehnsucht, Mut und Tapferkeit. Spärlich waren die Münzen, die man ihm gab. Die Zuhörer waren gleichgültig, als spürten sie gar nicht sein eifriges Bemühen, ihre Herzen zu gewinnen. In einer finsteren Herberge, bei einem mürrischen Wirt fand Seb Nachtquartier. Am Morgen begab er sich mit der Geige in die Stadt und kehrte am Abend in die Herberge zurück. Viele in Koblenz kannten schon den ernsten und fleißigen Spielmann. Untereinander lobte man den jungen Geigenspieler. Aber nicht so sehr sein Spiel, mehr sein äußeres und sein frommes Gemüt, welches besonders den Müttern zusagte, die Freier für ihre Töchter suchten. Oft vergaß Seb, daß er wegen der kleinen Belohnung, die er bekam, für die Leute spielte. Er lebte und schwebte in den Tönen, die er seiner Geige entlockte. Einmal rief sogar ein Knabe aus der Zuhörermenge: „Der Spielmann schläft!" An einem Morgen hörte Seb Geigenmusik, wie er sie noch nie gehört hatte. Vor der Liebfrauenkirche spielte ein Mann so zart und rein, daß Seb verwundert Mund und Ohren aufsperrte. Um den Spielmann standen viele Menschen. Als er sein Spiel beendet hatte, gab ihm Seb einen Taler von seinen Ersparnissen. „Meister", fragte Seb den Spielmann, „kommen Sie von weit hierher?" „Hierher aus Bonn." Der Angeredete erkannte in Seb an der Geige auch einen Straßenmusikanten. Er war freundlich zu ihm und sagte weiter: „Soviel ich weiß, stamme ich aus Thüringen. Schon acht Jahre führe ich dieses unstete Leben. Es geht doch im Reich durcheinander wie in einem zerstörten Ameisenhaufen. Viele Leute suchen nach einem Heim, das sie im Krieg verloren haben. Soviel Menschen haben immer noch Elend und.Not zu ertragen. Das ganze Unglück hat über die Menschen der Preußenkönig, der tolle Fritz, gebracht." Seb erinnerte sich, daß auch sein Pate Stefan behauptete, daß an dem Krieg der Preußenkönig Friedrich II. schuld gewesen sei. „Ist Friedrich II. wirklich so ein böser König?“ fragte Seb. „Ganz bestimmt. Sein Vater, König Wilhelm, wollte ihn, als Friedrich noch ein Bub war, schon erhängen lassen. Doch das Vaterherz hat dem Sohn wieder verziehen, dafür mußten jetzt die Deutschen leiden.“ „Meister, ich möchte Ihren Namen wissen.“ „Martin Müller. Man ruft mich Müller — Martin nore ich selten.“ Seb redete ihn beim vollen Namen an und sagte, daß er auch auf der Suche nach seinem Glück aus Langenreuth vom Neckar hierher kam. Er fragte Müller, ob er in der Stadt längere Zeit verbleiben werde. Müller erklärte, er habe sich einem Trupp Wanderer angeschlossen und ziehe in einigen Tagen von hier fort. Er fügte noch hinzu, er gehe ungern von hier weg, wegen Liebfrauenmilch, dem guten Wein, den man hier ausschenkt. An einem Morgen, als Seb ausgehen wollte, hielt ihn der Schwarze Jakob, sein Herbergswirt, auf und sagte: „Bleib im Haus. Kannst deinen Spielkasten auf immer weglegen.“ Das starre Gesicht des Wirtes war heller geworden, und auch seine kleinen spitzen Augen leuchteten heiter. „Verstehe nicht, Herr Wirt, was Sie von mir wollen?“ „Das kannst du nicht erraten.“ Der Schwarze Jakob lächelte zufrieden. „Du wünschst dir, in einer hellen Stube im Federbett zu schlafen und dich immer satt zu essen.“ Der Wirt lachte wieder. „Unmöglich, nicht wahr?“ Seb schaute den Wirt erstaunt an. Hatte doch der Schwarze Jakob ihn immer feindselig und mißtrauisch angesehen. Was sollte heute sein zutrauliches Benehmen bedeuten? „Herr Wirt“, sagte Seb ernst, „sagen Sie, was Sie von mir wollen. Ich habe keine Zeit und auch kein Verlangen, Rätsel zu raten.“ „O Bub!“ sagte der Schwarze Jakob, „du bist grob. Auf solch eine Art kannst du was Gro?es verlieren.“ „Sagen Sie geradeheraus, was Ihnen auf der Zunge brennt.“ Das Gesicht vom Schwarzen Jakob erstarrte wieder, er schaute Seb scharf an und sagte zu ihm: „Höre, Bub! Ich werde eine Seifensiederei eröffnen. Nach Seife ist große Nachfrage. Bei diesem Geschäft werde ich nicht wenig aufstecken." Der Wirt schwieg in Erwartung, was Seb dazu sagen wird. „Und was habe ich damit zu tun?" fragte Seb. „Die Sache ist die: Ich brauche starke Arbeitshände für die Siederei, und die hast du." „Da werden wir uns nicht einig, Herr Wirt." „Doch, wir werden uns einig. Du wirst meine Tochter Anna heiraten. Da bekommst du eine helle Stube und satt zu essen. Wenn das Geschäft gut läuft, bekommst du deinen Batzen davon. So sind wir doch schon einig?" „Ist Ihre Tochter Anna einverstanden, mich zu heiraten?" „Ich habe doch keine Tochter großgezogen, die gegen meinen Willen wäre." „Ist das alles, Herr Wirt, was Sie mir zu sagen haben?" „Ist das nicht genug und aller Ehre wert?" „Dann adé. Ihre Tochter gefällt mir nicht. Suchen Sie einen Mann für sie, dem sie gefällt. Sie ist es wert." Seb schickte sich an, fortzugehen. „Halt!" schrie der Schwarze Jakob. „Du hast mich wahrscheinlich nicht verstanden. Ich will dir zu Vermögen verhelfen. Du kannst am Ende auch noch Bürger werden, ich spaße nicht. Was ich dir sage, ist mein voller Ernst." Seb war wieder auf der Straße. Er dachte an Marie und an sein Vaterhaus in Langenreuth. Die Stadt war ihm jetzt schon nicht mehr so unbekannt und fremd wie am Anfang, als er unsicher durch die engen Gassen wanderte. Viele Häuser mahnten ihn schon heimisch an. Auch begegnete er bereits Menschen, die zu ihm freundlich waren. Es schien ihm, als lechzten die Leute, so wie auch er, nach Freude, Liebe und Glück. Vielen von ihnen konnte man es von den Gesichtern ablesen, was für eine Gemütsstimmung sie hatten. Ein Spielmann ist ein Menschenkenner. Er sieht es den Zuhörern an, wie die Musik auf sie wirkt. Ein böses Herz verträgt kein süßes zartes Spiel. Musik ist nicht für böse Menschen. Dem Spielmann hören meistens Leute mit guten Herzen zu. In einigen Tagen wollte Seb Koblenz verlassen. Er hatte schon etwas Geld gespart, und es schien ihm gar nicht so schwer, durch die Welt zu kommen, wie er es sich am Anfang vorgestellt hatte. Meister Müller kam ihm nicht aus dem Sinn. Er wünschte sich, so gut Geige spielen zu können, wie Müller spielte. Warum Müller nicht am Hofe spielt? Ihn sollte man mit Gold überschütten für so ein wunderbares Spiel. Auch wünschte er sich, Müller noch einmal zu begegnen. Seb spielte vor der Florinskirche. Hier auf dem stillen Platz benahmen sich die Leute andachtsvoll und sanftmütig. In der milden und reinen Luft, in der Nähe von hohen schweren Steinmauern, klang die Geige viel heller und zarter als in den dumpfen Gassen der Stadt. Seb spielte mit voller Hingabe und achtete wenig auf die ihn umgebenden Zuhörer. Als sein Spiel zu Ende war, stellte sich ein Bub vor ihn und schaute ihn aufmerksam an. Es war ein junger knorriger Mensch in Bürgerkleidung. „Du bist aus dem Schwabenland? Vom Neckarstrom?“ fragte er. Seb war verlegen. „Woher kennst du mich?" „Ich bin schon viel herumgekommen und kenne die Leute an den Manieren und Kleidern." An Seb wandte sich jetzt ein halbwüchsiges Mädchen, überreichte ihm einen Taler und sagte: „Von Jungfer Katrin ein Lob und das Geld für Ihr Spiel." Das Mädchen zeigte auf eine junge weibliche Gestalt, die Seb anmutig ins Auge gefaßt hatte. Er fühlte, daß es ihn heiß durchrieselte und daß er zur Jungfer Katrin hingehen und sich für die Belohnung bedanken müsse. „Jungfer, darf man mit Ihnen reden?" fragte Seb. „Hab nichts dagegen", war die Antwort. „Ihre Bezahlung für mein Spiel ist viel zu hoch, darum will ich mich für das Rausgeld bei Ihnen herzlich bedanken.“ Katrin verzog den Mund zu einem liebreichen Lächeln. „Sie sprechen wie ein Bankier. Von solchem Rausgeld habe ich noch nichts gehört." Seb und Katrin standen voreinander und schauten sich freundlich an. Beide waren so gerührt, daß keiner wüßte, was er dem anderen sagen sollte. Katrin kehrte um und gab mit dem Blick zu verstehen, daß Seb ihr folgen soll. Langsam entfernten sich die beiden von dem Platz. „Wie heißen Sie, Spielmann?" fragte Katrin. „Sebastian." „Der Name gefällt mir. Sind Sie von weit zu uns gekommen?" „Von Langenreuth am Neckar." „Oh!" sagte Katrin erschrocken. „Dort, erzählt man bei uns, wimmelt es von Räubern. Wie kamen Sie den weiten Weg heil durch?" „Die Räuber waren diesmal sehr vorsichtig. Sie hielten sich gut versteckt." „Und Sie haben nicht einen einzigen zu Gesicht bekommen?" „Doch, den Hauptmann, den Hiesel. Doch dieser ist so schnell verduftet, daß ich ihn nicht kriegen konnte." Katrin schaute Seb verwundert an. Ein Spielmann wollte einen Räuberhauptmann fangen. Vielleicht hatte Katrin im geheimen den Verdacht, daß Seb selbst ein Räuber sei. „Und wo ist Ihnen dieser Räuberhauptmann begegnet?" fragte Katrin. „Das war an einem Ort am Neckar. In dem Städtchen erschien ein junger Mann, herrschaftlich gekleidet. Er ging friedlich in der Stadt umher und sagte, er erwarte seinen Freund, der hier durchreisen werde. Auf dem Marktplatz im Menschenauflauf schrie plötzlich ein Weib: ,Gott im Himmel, steh mir bei! Das ist ja der Hütejunge, Klostermayers Matz, der Hiesel.4 Das Weib zeigte auf den fremden Mann. Bis die Leute sich vom Schrecken erholt hatten, war der Mann nicht mehr da. Viele, und auch ich, suchten nach ihm. Aber es war vergebens. Jemand hatte den Hiesel schon sicher versteckt." „Hier", sagte Katrin, „fürchtet man sich vor den Räubern. Man sagt, sie seien kühn und tapfer und scheuen den Tod nicht im geringsten." „Das ist Unsinn. Die Räuber haben immer große Angst um ihr Leben." Katrin blieb plötzlich stehen und schaute Seb zutraulich mit warmem Blick an. „Dort", sagte sie und zeigte auf ein graues Haus am Anfang der Gasse, „steht unser Haus. Ade, Seb, ich muß gehen." „Ich begleite dich bis ans Haus, Katrin." „Nein. Das darfst du nicht. Mein Vater kann Spielleute knie nicht leiden.“ „Warum?“ „Vater sagt: Spielleute wären Strolche und täten die Leute verblenden.“ „Da dürfen wir uns also nicht mehr treffen?“ „Seb, wirst du für immer bei uns bleiben?“ Ohne es zu wollen, seufzte Seb. „Ich bin ein Wanderer.“ „Wenn sich aber in unserer Stadt etwas an dein Herz hängt?“ „Dann wäre ich kein Wanderer." „Und wenn aber doch?“ Seb fühlte, daß er unschlüssig wurde. Er verstand nicht, was mit ihm geschehen war. Vor kurzer Zeit hätte er auf diese Frage entschieden antworten können. „Wenn es soweit kommt, werde ich schon einen Entschluß fassen." „Seb, komm zu mir, wenn es dunkel ist. Dort, das zweite Fenster am Ausbau, ist meine Stube. Ich werde am Fenster sein." Katrin drückte Seb die Hand und ging fort. Sie hatte nun mit dem schönen Spielmann gesprochen und war ganz von Erregung erfaßt. Sie fühlte, daß auch Seb in Neigung zu ihr brannte. Seb schaute ihr nach, bis sie seinen Augen entschwand. Katrins Eltern, Philipp und Marget Linneberger, stammten aus einem Handwerkergeschlecht. Vor dem Krieg beschäftigte Philipp Linneberger in seiner Hutmacherwerkstätte drei bis vier Gesellen und noch einen Handlanger. Die Familie hatte einen guten Stand und brauchte über ihre Lage nicht zu klagen. Der Krieg hatte sie ruiniert. Jetzt wirkte Philipp allein mit seiner Familie in der verarmten Werkstatt. Die Wolle war teuer und schwer zu kaufen, die Nachfrage nach Hüten gering. Die Kaufleute hatten wenig zu tun. Der noch bestehende Handel war in den Händen der Wucherer. Seb kehrte zurück an die Florinskirche. In ihm brannte die Aufregung. In seiner Vorstellung tauchte immer wieder Katrin auf. Er war kaum auf dem Platz angekommen, da stand auch der knorrige Bub, der ihn vorhin angesprochen hatte, wieder vor ihm. „Ich wollte mit dir über etwas Wichtiges sprechen“, sagte er ernst, „aber du hast dich so schnell an den Weiberrock gehängt, daß ich nicht dazu kam, mit dir zu reden." Seb schaute den aufdringlichen Buben schief an. Er erinnerte sich an den Schwarzen Jakob. Ob vielleicht dieser eine Ledergerberei aufmachen will? „Sag erst mal, wie du heißt, denn ich weiß nicht, wie ich dich anreden soll." „Sebastian Bauer", murrte Seb. „Ich heiße Willem Bach." „Und was willst du von mir?" fragte Seb schroff. „Seb, sei nicht böse. Ich bin auch so ein Landstreicher wie du. Nur habe ich keine Geige. Ich bin Schmied, doch ohne Hammer und Amboß. Die ganze Rhein- und auch die Moselgegend habe ich durchwandert. Außer betteln und stehlen fand ich keine Beschäftigung. überall sind die Leute arm, und die Schmieden liegen still, weil es keine Besteller gibt." „Ich kann nicht klagen. Meine Geige ernährt mich und gibt mir auch Nachtquartier." „Was ist das schon für einen starken Buben: Vor einem Trupp Gaffer stehen, die mehr aus Neugier als aus Labung an deinem Spiel bei dir weilen." „Dafür habe ich selbst Vergnügen an meinem Spiel." „Da hast du Glück. Ich würde auch gern hämmern, für mich ist der Ton vom Hammerschlag auf den Amboß der schönste Klang. Bis jetzt konnte ich es nicht soweit bringen." Willem sprach so zutraulich, daß Seb ihm glaubte und von Mitgefühl gerührt war. „Und jetzt", sagte Seb, „willst du dich hier in dieser Stadt niederlassen?" „Hier ist nichts zu erreichen. Die Franzosen haben die Stadt ausgeleckt wie ein hungriger Hund seine Schüssel. Außerdem ist die Stadt so dicht bewohnt, daß man sagen kann: einer lebt und zwei warten auf seinen Tod." Seb fragte: „Und wohin führt jetzt dein Weg?" „Eben das wollte ich dir sagen. Nach Rußland." Erstaunt schaute Seb Willem an. Sollte er glauben, daß der Bettler auf einmal so kühn wäre und sich ein so großes Ziel steckte, oder hat er sich in dem Buben getauscht, daß er vielleicht einen Schwindler vor sich hat. Seb sagte teilnahmslos: „Du willst dich also jetzt nach Rußland durchbetteln?“ „Das gerade nicht. Man wird mich umsonst hinfahren und auch beköstigen.“ Willem sah, daß Seb auf seine Worte aufmerksam geworden war. Er zog Seb zur Seite und erzählte ihm, daß am Rheinufer ein Werber aus Rußland sei. Es hätten sich schon viele Menschen zur Auswanderung nach Rußland anwerben lassen. Der Werber beköstigt die Angeworbenen und zahlt auch Vorschuß an Geld aus. Wenn eine Ladung für eine Schachtel beisammen ist, geht es ab nach Lübeck und von dort mit einem Seeschiff nach Petersburg. Seb schaute Willem fest und forschend an. Er wollte noch zusätzlich etwas hören, woraus er die Wahrheit von dieser sonderbaren Mitteilung entnehmen könnte. „Und was sollen die Angeworbenen in Rußland sein? Soldaten?" fragte Seb. Willem schüttelte entschieden den Kopf. Er lachte sogar etwas höhnisch über diese Frage. „Die Angeworbenen werden in Rußland ganz freie Menschen sein, brauchen hundert Jahre keine Soldaten stellen und werden den Schutz des Reiches genießen." In Nachdenken versunken, versuchte Seb sich alles in Erinnerung zu rufen, was er von Rußland wußte: Ein überaus großes Land, weit von Deutschland, mit Schnee bedeckt. Im Winter die Kälte so stark, daß die Vögel im Flug erfrieren. Sebs Pate Stefan hat im österreichischen Heeresdienst Russen in der Schlacht bei Kunersdorf kennengelernt. Ruhige, gehorsame und tapfere Menschen, so kamen dem Paten die Russen vor, mit denen er auf einer Seite gegen das Heer des Preußenkönigs kämpfte. Willem schien es, als hätte Seb doch Mißtrauen gegen seine Worte, und er sagte: „Komm hin, am Rheinufer in einem Warenlager haben wir unseren Sammelplatz. Dort kannst du alles genau erfahren. Unter uns ist ein gelehrter Studiosus. Er erklärt gern alles. Auch ein großer Meister im Geigenspul ist bei uns. Er sagt, er hätte bei Hof des Landgrafen Friedrich in Kassel gespielt." „Ich komme, erwarte mich", sagte Seb entschlossen. Langsam und bedächtig erhob Seb seine Geige und begann zu spielen. Um ihn versammelten sich Zuhörer. Sie lauschten ruhig seinem Spiel. Keiner sagte ihm, daß er schlecht spiele. Seb aber fühlte, daß seine Gedanken und Sinne nicht beim Spiel waren. Ihm war es so, als ob seine Wanderlust zu schwinden begann, und dieses schon am Anfang des Weges. Sein Vater hatte ihn vor der Abreise gewarnt: „Laß dir in der Fremde nichts ans Herz wach-sen." Am Abend ging Seb zu Katrin. Sie bemerkte ihn sofort in der Dunkelheit, und im nächsten Augenblick war sie bei ihm. Die beiden suchten sich einen stillen Winkel, wo sie ungestört sein konnten. Katrin war guter Stimmung. Sie benahm sich wie bei ihrer Begegnung mit Seb am Tage: sanftmütig und liebreich. Dagegen war Seb niedergeschlagen. Ihn quälte der Gedanke, nach Rußland zu gehen, wobei Katrin ihm jetzt im Wege stand. Er fühlte, daß Katrin sich ihm ergeben hat, und er war auch ganz in Katrins Händen. Nach langem Schweigen sagte Seb: „In einigen Tagen gehe ich fort von hier." Auf diese so verhängnisvollen Worte antwortete Katrin ruhig, als wäre nichts dabei: „Ich gehe mit dir." „Ich gehe weit, aus Deutschland fort", erklärte Seb. „Ich auch", war Katrins Antwort. Seb erklärte, daß dieses unmöglich sei, da er keine Mittel habe, eine Frau zu ernähren. Und dann noch: Katrins Eltern werden nie und nimmer ihre Erlaubnis geben, daß ihre Tochter sich mit einem Landstreicher verbinden werde. Sie werden Katrin Unbesonnenheit nachweisen, und ihre Gefühle zu Seb werden sich verziehen wie Nebel in der Sonne. Katrin hörte verständnisvoll zu und sagte darauf: „Seb, ich bleibe bei dir: Wohin du gehst, gehe auch ich.' Seb küßte Katrin auf ihren heißen Mund. Er spürte dabei nicht die geringste Lüsternheit. Ihn erfüllten Dankbarkeit und Liebe zu Katrin, mit der er jetzt seine geheimsten Wünsche zu teilen bereit war. Ohne Katrin gab es für Seb schon keine Gedanken mehr über die Zukunft. Solch eine mächtige Gewalt hatte Seb über sich noch nie im Leben verspürt. Am anderen Morgen ging Seb wie gewöhnlich mit der Geige aus. Er besuchte die Stellen, wo man ihn vorher gut empfangen hatte, wo ihn die Leute schon kannten. Er spielte alte Weisen. Und doch kam ihm alles anders vor: Menschen und Häuser machten auf ihn einen anderen Bindruck als vor ein paar Tagen Seb fand keine Ruhe Er eilte auf den Platz vor der Florinskirche. Mit Hingabe spielte er hier seine schönsten Melodien. Aber nur mit Gewalt verscheuchte er alle anderen Gedanken, die sich ihm aufdrängten. Und sein Auge suchte unaufhörlich nach Katrin. Allein der Gedanke, daß er sie unter den Zuhörern erblicken könnte, durchströmte ihn mit heißer Erregung. Ganz unerwartet brach Seb sein Spiel ab und ging geradewegs zum Rheinufer. Es war ihm eingefallen, daß er Willem versprochen hatte, die Auswanderer zu besuchen. Es war nicht schwer, sie zu finden. Das Ufer war fast leblos. Die Lagerräume waren außer Gebrauch, und auch viele Barken und Boote lagen fest am Pfahl. Sie waren nur noch Zeugen dafür, daß sie hier einstmals bessere Zeiten gekannt hatten. Diese Wasserfahrzeuge brachten Güter flußauf und -ab zurecht: Von dort, wo sie erzeugt wurden, dorthin, wo man sie verkaufen konnte. Das war in den Zeiten, als am Rhein Frieden war. Leider dauerten diese Zeiten an dem schönen deutschen Fluß nicht lange. In dem düsteren Raum, wo sich die Auswanderer befanden, hatten die Franzosen während des Krieges Pferde stehen. Es roch nach Pferdeschweiß und Mist. Seb ging langsam in der steinernen Grotte vorwärts und schaute sich aufmerksam um. überall waren Menschen. Sie saßen auf ihren Bündeln oder auf Steinbänken gelassen, untätig, halbschläfrig und scheinbar sorglos. An einer Stelle spielte man Würfel. Eine andere Gruppe unterhielt sich über den Tod des Kaisers Franz, wovon man eben erst erfahren hatte. Da waren Männer verschiedenen Alters, die verschiedenen Ständen angehörten, nach dem äußeren zu urteilen. Bauern, Handwerker, Bürger und auch manche Soldaten. Die Witwe Katarina Braun aus Biber hatte vier unmündige Kinder bei sich. Konrad Hergert aus dem Saarland sagte, er wäre ein Meister im Glockengießen. Seb konnte seinen Bekannten, Willem Bach, nicht finden. Als Seb die Leute nach ihm fragte, sagten sie: „Dieser unruhige Geist ist bald hier bald dort und wenig an seinem Ort.“ Seb fragte nach dem Studiosus, von dem er brk arungen über die Auswanderung nach Rußland hören wollte. Der gelehrte Jüngling war da. Man sah es ihm an, daß er studiert hatte und auch mit seiner Weisheit nicht Von Rußland sagte er: Es sei ein großes Reich mit geeignetem Land zum Wohnen und mache nach der Größe wenigstens ein paar Dutzend Deutschland aus. Der Winter sei lang und kalt, der Sommer kurz und mäßig warm zeitweise sogar heiß. Im Reich sei viel Wald Das ganze Reich wird von einem Thron regiert. Seb fragte den Studiosus: „Kann ich als Deutscher aus Deutschland weggehen?" Der Studiosus antwortete auf diese Frage geläufig: „Die Hessische Regierung hat die Auswanderung verboten. Auch die Fürsten der anderen Länder sind gegen die Auswanderung. Wir aber werden den Willen der Fürsten nicht befolgen." Seb war mit dem Studiosus ganz einverstanden. Er wollte aber seine Meinung bewiesen haben. Und er widersprach: „Der Gewalt der Fürsten kann man entgehen. Doch vor seinem Gewissen und seiner Ehre fliehen, das ist schwer. Ein Deutscher ist verpflichtet, für Deutschland zu leben und zu sterben." Der Studiosus schwieg. Sebs Worte hatten ihn zweifellos überrascht. Doch in einigen Augenblicken hatte er sich schon wieder gefangen. Er erklärte: „Hier in Deutschland sind Sie Deutscher und Untertan des Deutschen Reiches, in Rußland werden Sie Deutscher und Untertan des russischen Reiches sein. Hier müssen Sie für Deutschland stehen, dort für Rußland." „Also wie ich Ihre gelehrten Worte verstehe, kann man das Vaterland wechseln wie die Schuhe an den Füßen und immer dorthin gehen, wo es für einen am vorteilhaftesten ist", bemerkte Seb. Der Studiosus wußte sich nicht richtig zu helfen. Er begann damit, daß die Fürsten, die das Volk im Zaum halten, ihm Beispiel in Ehre und Pflicht sein müßten, beständig aber dem Reich die Treue brechen. Kurfürst Georg Ludwig von Hannover hat Deutschland verlassen und ging als König nach England. Er nahm noch ein Stück Deutschland, Hannover, für England mit. Das ermöglichte England, seinen Krieg mit Frankreich um Land in Amerika in Deutschland auszufechten. Dieser Krieg ruinierte im Verlaufe von sieben Jahren Deutschland beträchtlich. Der Preußenkönig Friedrich II. führte seine deutschen Soldaten gegen die deutschen Soldaten des Kaisers, um die Oberherrschaft über Deutschland zu erringen. So starben Deutsche für das Unglück Deutschlands. Der Landgraf Friedrich von Hessäfl-Kassel hat Tausende Deutsche an England verkauft, wo diese im Krieg für England starben. Seb widersprach nicht mehr. Und warum auch? Er hatte schon beschlossen, nach Rußland auszuwandern und Katrin mltzölldimen. Weit im fremden Land in einer wilden Gegend wollte Seb mit Katrin in einer Hütte ein neues Leben beginnen. Seb schlenderte durch den Raum und hielt Umschau nach Willem. Vielleicht wird der ihm einen guten Rat geben können? Denn Katrin mitzunehmen, war nicht so einfach. Unverhofft stieß er auf den Geigenspieler, Martin Müller. Müller erkannte Seb. Er teilte ihm mit Freude mit, daß er heute schon ein beträchtliches Maß Liebfrauenmilch getrunken und auch einen Krug von diesem Wein auf den Weg besorgt hatte. Er sagte, wenn er noch einmal zu entscheiden hätte, tat er wegen, diesem Wein noch eine Zeitlang in Koblenz bleiben. Man sah es Müller deutlich an, daß er einen Rausch hatte. Er lächelte heiter und grübelte gewiß nicht über seine Zukunft. Vor Seb erschien Willem. Mit gespreizten Armen schrie er freudig: „Sebastianus! Ich wußte, daß du kommen wirst. Meine Gefühle trügen mich nicht. Ich bin wie ein Amboß: aufl jeden Schlag gibt er einen Ton. Nach dem Ton kann man den Schlag bestimmen. So fühle ich auch, was im Menschen schlägt, wenn ich mit ihm verkehre." Willems Gesieht strahlte vor Freude. „Hast du dich aufschreiben lassen?“ fragte er. Seb schüttelte verneinend den Kopf. „Hast du mit dem Studiosus gesprochen?" Seb nickte. „Na und? Ach ich weiß schon. Die schöne Jungfer... Ja, sie ist es wert. Aber das Jungfernzeug hängt sich heutzutage an uns Buben wie reife Kletten an die Hosen. Es sind ihrer viele, unserer aber... Rechne nur, wieviel Buben sind im Krieg umgekommen, und wieviel sind bei den Räubern. Des Hiesels Bande zählt tausend Mann. Da gibt es noch die Banden des Krummfingers, Stülpners, Bötgers, Hanickels und noch andere. Und wievielen geht es wie dir und mir, die umherstreichen und nicht heiraten, weil sie kein Dach über dem Kopf, keinen Herd und kein warmes Bett für die Frau haben So leben und warten Tausende Jungfern auf Freier. Und sie sind wie Blumen: Wenn sie mal blühen, dann leben sie in Sorgen, daß sie verblühen und nicht gepflückt werden." Seb hörte geduldig zu, aber all dieses konnte ihn nicht von Katrin losreißen. Das fühlte auch Willem. „Dann nimm die Jungfer mit, wenn du dich nicht von ihr trennen kannst. Das Geschöpf ist schön und wird unseren Wandertrupp zieren." Seb sagte, daß er Katrin heiraten und nach Rußland mitnehmen wird. Am Eingang des Raumes schrie wütend eine Männerstimme: „Lumpenzeug ist hier zusammengekrochen, um vor seinen Landesherren auszureißen! Wofür haben eure Fürsten euch ihren Boden unter die Füße und ihren Himmel euch über den Kopf gegeben? Die Fürsten brauchen Soldaten, und da wollen junge Bengel ausreißen in ein fremdes Land. Ob unter euch Lumpen nicht auch Fahnenflüchtige sind? Schnell auseinander, ehe es zu spät ist!" Willem schrie aus vollem Halse: „Bringt den Kerl zum Schweigen!" „Ach so!" schrie der Wütende, „da wird gedroht! Wie könnt ihr es wagen, gegen einen Ratsherrn vorzugehen? Noch einmal im guten: Fort von hier, oder ich hole Leute, die euch in den kalten Turm bringen, um euch Gehorsam beizubringen." Willem und Seb standen schon neben dem Ratsherrn. „Jetzt reicht's", sagte Willem. Er ergriff den Ratsherrn und drückte ihm die Arme fest an die Brust. Der Mann stierte erschrocken um sich. Rings um ihn hatte sich ein fester Ring aus Männern geschlossen. Sie starrten ihn drohend an. Willem drückte ihn auf eine Steinbank: „Bleib hier sitzen und muckse nicht. Uns kriegt ihr nicht. Wir gehen weg ehe deine Leute kommen. Aber wenn du ausreißt, dich kriegen wir. Dann kommst du bestimmt mit einem schweren Stein am Hals in den Rhein." Der Mann schaute sich ängstlich um. Er wollte sprechen, aber da stürzten mehrere Männer drohend auf ihn los, und er schwieg. Willem winkte einen langen gelenkigen Buben aus dem Trupp heran: „Bewache den Ratsherrn und lasse ihn keinen Schritt vom Platz gehen!" Der Angeredete stellte sich vor dem Ratsherrn auf. „Versteht ihr am Ende nicht deutsch? Ihr habt es mit dem Ratsherrn August Just zu tun", erklärte der Gefangelte. . Sein Wächter nahm darauf eine stramme Haltung an und sagte: „Johann Peter von der Lauterbach aus einem alten Adelsgeschlecht im Bayernland. Sitz ruhig, wenn du dich rührst, drücke ich dir mit diesen Krallen die Kehle zu." Von der Lauterbach zeigte zwei große Hände mit langen Fingern. Seb und Willem gingen ins Freie. In der milden Luft atmete es sich leicht. Die beiden setzten sich auf einen Steinblock nieder und schauten in das ruhige Wasser. Ihnen gegenüber lag das grüne malerische Ufer des großen Flusses. Seb warf Steinchen ins Wasser. Es war eine Gewohnheit aus der Kindheit am Neckar. Eine Zeitlang saßen sie schweigend. Dann sagte Seb: „Schön ist der Rhein. Er mahnt an einen anständigen Menschen. Die Menschen halten sich gern an ihm auf. Einstmals haben die Römer auf ihn geschaut und sich gefreut. Auch die Germanen kämpften um den schönen Strom. Danach wurden die Germanen zu Deutschen, und auch sie halten sich fest an ihrem Rhein." „Ich hänge nicht am Rhein", unterbrach Willem Seb. „Mir ist er zu ruhig und zu sanft. Mich zieht's an einen Strom, der rauher und wilder ist." Willem erklärte, daß er die Ruhe nicht leiden kann. Wo es still ist, kann er sich nicht aufhalten. Er ist am liebsten dort, wo es lebendig ist, durcheinandergeht, wo Bewegung ist. „Willem", sagte Seb, „die Abfahrt nach Rußland gehr bald los, vielleicht heute noch. Der Werber sagt, in Trier bereite die Regierung Maßnahmen zur Verhinderung der Auswanderung vor." Wieder trat eine Pause ein. „So schnell geht das nicht. Eine Regierung braucht füll alles viel Zeit." „Ich werde Katrin mitnehmen", sagte Seb in vollem Ernst. „Das gefällt mir. So habe ich mir das auch gedacht. Wir müssen sie sofort hierher holen." „Ich muß sie aber erst freien. Ihre Eltern werden dagegen sein. Aber ich will meine Pflicht tun. Es wird ihnen so leichter sein, ihren Kummer zu verschmerzen, als wenn ich Katrin fortführe, ohne zu freien." Willem war damit einverstanden. Die beiden heckten schnell einen Plan aus. Freiersmänner sollten Willem und der Spielmann Müller sein. „Müller ist schon bejahrt, sieht vornehm aus und versteht mit Bürgern umzugehen." Es wurde beschlossen, daß man Feiertagsgewänder anzieht und sich in einer Stunde auf dem Platz vor der Florinskirche treffen wird. Seb, Willem und Müller traten ins Haus des Bürgers Philipp Unneberger ein. Seb sah in seinem Gewand im Schnitt eines Bürgerkleides vornehm aus. Philipp Linneberger riß erschrocken die Augen auf. Er konnte nicht verstehen, was der Besuch der drei fremden Männer in seinem Haus bedeuten sollte. Seine Frau Marget schaute erstaunt auf ihren Mann, dann wieder auf die eingetretenen Gäste. Katrin, die aus der Nebenstube guckte, war erst verwirrt, aber schon nach einigen Augenblicken sah sie Seb liebreich an. Das Wort ergriff Müller: „Wir, ich Spielmann Martin Müller, Schmiedegeselle Willem Bach und dieser junge, schöne, kluge und starke Bub Sebastian Bauer sind gekommen. Ihre Tochter Katrin für Seb zu freien. Seb ist Spielmann und hat fromme Eltern, die friedlich in Langenreuth am Neckar wohnen. Entschuldigt, daß wir mit der Tür ins Haus fallen. Wir stehen kurz vor der Reise, und unser Schiff geht in einigen Stunden. Darum haben wir es eilig. Also Ihr Wort, geehrte Eltern Philipp und Marget Linneberger." Seb und Willem hielten sich in strammer Haltung. Sie wußten, daß jetzt irgend etwas geschehen wird. Gut, wenn es eine höfliche Ablehnung sein wird. Wenn es aber grober herauskommt, muß man bereit sein, sich zu helfen. Philipp Linneberger wurde auf der Stelle zornig. Sein Gesicht färbte sich dunkelrot, die Augen traten hervor und wurden glasig. „Wie konntet Ihr es wagen, mir, einem angesehenen Bürger, so etwas zuzumuten?" „Vater Linneberger“, unterbrach ihn Müller, „schaut erst mal den Sebastian an, was für ein bildschöner Bub er ist: groß, stark und hat ein Gesicht, das der schönsten Jungfer gefallen kann.“ „Was Sie sich erlauben, ist eine gemeine Frechheit. Meine Tochter heiratet nur einen Bürger. Bemühen Sie sich nicht weiter.“ „Wir gehen nicht aus dem Haus, ehe wir die Katrin haben.“ sagte Müller mit solchem Ernst, der keinen Zweifel an seinen Worten zuließ. „Soll ich etwa den Rat zu Hilfe rufen? In Friedenszeit kommen Sie ins Haus wie Marodeure während einer Kriegsschlacht.“ „Vater Linneberger...“ Linneberger unterbrach Müller: „Mein Wort hab ich gesagt. Das ist das Wort eines Mannes, eines Bürgers von Koblenz.“ Willem Bach trat vor. „Unser Wort lautet: Katrin geht mit uns." Willem sprach befehlerisch, und Linneberger verstand, daß man ihn zwingen will, sein Einverständnis zur Verlobung seiner Tochter zu geben. Bestürzt schwieg er eine Zeitlang. Furcht überkam ihn. Müller war in adeliger Kleidung, sprach wie ein Adeliger. Sollten die Kerle, die in sein Haus eingedrungen sind und seine Tochter verlangen, vielleicht Räuber sein? Wird doch in der Stadt erzählt, daß die Bande Krummfingers aus Adeligen bestehe. Philipp Linneberger konnte nicht entscheiden: Soll er es wagen und um Hilfe rufen oder Katrin opfern. Marget bat kläglich: „Philippus, sei nicht starrköpfig." Aus dem Nebenzimmer kam Katrin. Entschlossen ging sie zu Seb, umarmte ihn und schmiegte sich an: „Ich heirate Seb, davon werde ich nicht ablassen, mag da kommen, was will.“ Philipp Linneberger war wie vor den Kopf gestoßen. Er starrte verstört der Reihe nach die Anwesenden an, rang nach der Luft und versuchte zu schlucken. Dann machte er einige Versuche, vom Stuhl aufzustehen, setzte sich aber schwach wieder hin. „Verzeih mir, Vater. Ich liebe nur Seb. Ihm habe ich mich ganz verschrieben. Ich habe nicht mehr zu entscheiden.“ Seb war auch das Herz aus Mitleid um Katrins Eltern weich geworden. „Verzeiht mir, wenn ich Euch Leid zugefügt habe. Ich bin meiner auch nicht Herr. Ich kann ohne Katrin nicht sein. Sie ist mir lieb wie mein Leben.“ Phillip Linneberger hatte seine Sinne wieder beisammen. Er fragte: „Du kennst wohl den Buben schon länger?" „Ja", war die Antwort. „Marget, wo hast du deine Augen gehabt, als deine Tochter sich auf der Straße mit einem hablosen Buben behängte?" „Philippus", sagte Marget „sei nicht so streng, hab doch Einsicht." „Listig habt ihr's gemacht", sagte Linneberger, „habt mir eine beschlossene Sache zur Entscheidung vorgelegt." „Vater", sagte Katrin flehentlich, „sei barmherzig und zerstöre nicht mein Glück." Möller wurde unruhig. Er wollte nicht noch einmal sagen, daß die Zeit rennt und sie zu eilen haben. Willem hielt es nicht aus. „Gebt Euer Einverständnis und segnet das junge Paar." „Bist ein fixer Kerl. Eine der schönsten Jungfern der Stadt wegnehmen und dabei keine Zeit verlieren", sagte Philipp Linneberger in schon ruhigerem Ton. „Mein Herz soll auch nicht von Stein sein. Hast du sie dir erobert, so nimm sie. So eine Heirat meiner Tochter hätte ich mir nie träumen lassen. Ist es aber mal so gekommen, will ich mich damit trösten, daß es so sein sollte." Philipp Linneberger stand auf, ging zu Seb und Katrin und segnete sie. Müller zog seinen Krug mit Liebfrauenmilch hervor und schenkte aus. Er wünschte dem Brautpaar Glück, Liebe und frohe Kinder. „Katrin", sagte Seb, „schnell pack deine Sachen zusammen, sonst können wir uns verspäten." „Wohin?" fragte Vater Linneberger erschrocken. „Nach Rußland", war Willems kurze Antwort. Phillip Linneberger holte tief Luft. „Ohne zu kopulieren? In das eiskalte Land zum Untergehen! Nein, das kann ich nicht zulassen. An den Neckar ziehen, das wollte ich mir noch gefallen lassen. Wer geht aus Deutschland nach Rußland? Nur ein Narr." Müller erklärte, daß die Prinzessin von Anhalt-Zerbst vor langer Zeit schon als Fünfzehnjährige nach Rußland ging und gar nicht mehr zurück will. „Was hältst du mir die Prinzessin vor, Katrin ist nicht mal eine Adelige", schimpfte Vater Linneberger. „Desto beaeer“, sagte Willem, „sie braucht also keine Schutzhülle wie die verhätschelten Adeltgen.“ „Nein", schrie Vater Linneberger, „das ist mein eisern Wort.“ Mutter Marget weinte. Seb und Katrin standen niedergeschlagen, fest aneinandergeschmiegt. „Wenn ihr mich von Seb trennt, springe ich in den Rhein und ersäufe mich." Vater Linneberger schaute Katrin erschrocken an. „Du bringst mich noch lebendig ins Grab." „Vater, Mutter, fürchtet euch nicht, ich werde glückitch sein." Philipp Linneberger machte einige schwere Bewegungen mit dem Kopf nach den Seiten, ließ seine Blicke in der Stube umherschweifen, als suche er etwas. „Philippus, sei nicht streng“, bat Mutter Marget mit weinerlicher Stimme. „Mag es denn so sein: fahrt! Mir tat es ganz unverständlich, wie man von unserem warmen grünen Rhein nach Ru?land an das Eismeer ziehen kann. Meine Katrin erfriert dort. Seb, halte sie nur immer warm. Sie ist doch die Kälte nicht gewohnt." Müller holte wieder seinen Krug herbei und füllte die Becher. Auch Mutter Marget brachte einen Krug Wein. Es wurde auf das Wohl und Glück des jungen Paars getrunken, auch auf das Wohl der Stern des Brautpaares und aller Anwesenden und der Stadt Koblenz. In dieser Weile schnürten Mutter Marget, Katrin und ihre Geschwister, Stefan und Veronika, die Bündel. „Aber wie wird es mit der Kopulation?" fragte Vater Linneberger, vom Wein schon etwas heiter geworden, in geschäftlichem Ton. «In der Stadt Lübeck werden wir uns beim Warten auf die Einschiffung eine Zeitlang aufhalten müssen, und da lassen wir uns kopulieren", erklärte Seb seinem eben erst erworbenen Schwiegervater. „Lübeck“, wiederholte Philipp Linneberger. „Marget, gib mir’s Buch her.“ In einem ziemlich dicken Buch blätterte er vorsichtig, bis er endlich las: „Lübeck: Dom, Marienkirche, Jakobikirche, Katharinenkirche. In der Katharinenkirche la?t ihr euch kopulieren.“ Vater Linneberger ging in ein Nebenzimmer und brachte ein Säckten mit Münzen und gab es Seb. „Da ist Geld für die Kopulation. Bezahle den Geistlichen gut und bitte ihn, er soll mir dienstlich melden, an welchem Tag und in welcher Stunde er euch kopuliert hat." Seb bedankte sich für das Geld und versicherte seinem Schwiegervater, daß sein Wunsch in Erfüllung gehen werde. Die Becher wurden wieder gefüllt. Es bestanden jetzt schon freundschaftliche Beziehungen zwischen Philipp Linneberger und den Freiern. Aber das Auswandern nach Rußland ging Linneberger nicht aus dem Sinn. „Wie kann man sich entscheiden, Deutschland zu verlassen?" wandte er sich an seine Gesprächspartner. „Deutschland? So etwas gibt es auf der Welt nicht", sagte Müller mit solcher Gewißheit, als wäre da gar nicht dran zu zweifeln. „Wie?" fragte Philipp Linneberger. „Aber unser Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation?" „Das bricht bald zusammen wie ein verfaulter Schuppen", sagte Müller. Philipp Linneberger wußte nicht, was er zu solch einer gefährlichen Prophezeiung sagen sollte. Er träumte wie jeder Deutsche immer von einem großen starken Deutschland. „Ich möchte nur wissen, was ihr in Rußland finden wollt." Müller zuckte mit den Achseln. „Was sucht man auf der Welt? Ein gutes Leben." „Gutes Leben findet man in fremdem Lande nicht. Vermögen kann man finden, aber kein glückliches Leben. Ihr kommt in ein fremdes Land und bleibt dort ewig fremd." Müller lachte: „Wer Geld im Sack hat, ist nirgends fremd." Philipp Linneberger begriff, daß er die Auswanderer von ihrem Vorhaben nicht mehr abhalten konnte, aber er wollte doch beweisen, daß sie unrecht haben. „In Deutschland lebt es sich ganz gut. Vor dem Krieg gabs keine Not bei uns. Am Rhein fuhren mit Gütern vollbeladene Schiffe. Am Ufer hatten oft nicht alle Fahrzeuge Platz, die hier mit Gütern beladen und ausgeladen wurden." Müller widersprach: „Und bei alldem hatten auch früher viele Menschen ein schweres Leben." „Gewiß", gab Linneberger zu, „es gibt immer und überall unzufriedene Menschen. Da gab es Gesellentumulte und Bauemunruhen. Aber der Krieg hat alle Menschen in Not gebracht, und schuld daran waren nur England und Rußland. Auch unser österreichischer Kaiser hat einen Fehler gemacht, daß er sich mit den Franzosen, unseren Erzfeinden, zusammengeschlossen hat." Müller rief mit aufgeregter Stimme: „Schuld am Krieg war der Preußenkönig, der Fritz." "Nein", sagte Philipp Linneberger, „mir hat's Ratsherr Bellenger gesagt. Er hat es von einem Höfling gehört, und dem Höfling hat es ein Minister gesagt." „Die Worte der Ratsherrn zählen bei uns nicht", sagte Müller. Philipp Linneberger erklärte, daß Ratsherr Bellenger ein zuverlässiger Mann sei. Er sei ehrlich und gerecht und nicht wie Ratsherr Just, der arme Leute mit Gewalt unterdrückt und immer seine schmutzigen Finger in die Ratskasse stecken tut. Philipp. Linneberger kam wieder auf Deutschlands Schicksal zurück, auf Müllers Behauptung," daß das Reich in nächster Zeit zusammenbrechen wird. „Gibt es denn niemand, der Deutschland retten kann?" fragte er Müller. „Doch", sagte Müller klug, „den Preußenkönig, den tollen Fritz, er stellt schon ein Heer dazu auf." „Nun aber unser österreichischer Kaiser?" „Der Joseph? Der hat ein zu friedliches Gemüt, um diel Macht der Fürsten zu zerschlagen. Und dann will er auch nicht wieder mit Frankreich in Krieg stehen, das hängt ihm schon zum Hals heraus, ohne diesen Krieg aber kann Deutschland nicht auferstehen." Die Dämmerung setzte ein. Die Freier wurden unruhig. Die Abfahrt der Auswanderer konnte jede Stunde beginnen. Müller und Linneberger hätten noch lange über Ratsherrn, Kriegsstifter und die Zukunft Deutschlands gestritten, wenn Willem sie nicht unterbrochen hätte. Er, sagte: „Es dämmert schon. Am Ende werden wir festgenomm men und kommen in den Turm anstatt nach Rußland." Seb schrieb einen Brief an seine Eltern. Er stellte ihnen Katrin und seine Schwiegereltern vor. Ehrt und liebt siel schrieb er in seinem Brief. Seb, Willem, Müller, Katrin, ihre Eltern und Geschwster gingen alle zusammen an das Rheinufer. Sie kamen gerade zur rechten Zeit und gingen gleich zum Schiff, wo die Auswanderer einstiegen. Mutter Marget weinte: ,,Seb“, sagte sie, „seid nur vorsichtig, damit euch kein Unglück widerfährt. Achte auf Katrin, sie ist oft leichtsinnig." Zum Abschied küßte die ganze Linnebergerfamilie Katrin und Seb. Mutter Marget rollten die Tränen unaufhörlich über die Wangen. „Es war alles zu kurz", sagte sie zu Seb, „ich konnte dich gar nicht liebgewinnen, mein Sohn." Vater Linneberger sagte zu Seb: „Du hast mir ein Stück meines Herzens entrissen. Bewahre es, ich will dich dafür lieben." Als letzter stieg der Bub ein, der den gefangenen Ratsherrn Just bewacht hatte. Es war schon ganz dunkel, nur die Fenster der Häuser leuchteten matt. Ein weicher, milder Abend lag über dem Rheintal. Wird man uns verfolgen? fragte sich mancher auf dem Schiff besorgt. Doch die Regierung des Erzbistums Trier hatte es nicht so eilig, Sachen in Angriff zu nehmen, deren Erfolg nicht ganz gewiß war.
Zweites Kapitel DIE STADT AM MEER Weit und beschwerlich war der Weg von Koblenz bis ans Meer. Seb fühlte überall, daß er in eine andere ihm unbekannte Gegend gekommen war. Die Backsteinbauten mit ihren geraden unverzierten Mauern, die feuchte rauhe Meeresluft und das Gemisch aus Salz- und Fischgeruch — alles war ihm fremd und wunderlich. Im Hafen standen große Seeschiffe, deren Masten hoch in die Luft ragten. Die Leute auf den Straßen waren ruhig und gelassen, als lebten sie nur von ihren Gedanken. Seb suchte Gastwirt Schmidt auf, der in russischem Dienst stand, erhielt Geldvorschuß und erfuhr von ihm, daß die Auswanderer am Mittwoch, also in sechs Tagen, eingeschifft werden. Schmidt gab ihm auch eine Adresse, wo eine Herberge zu finden sei. Er sagte: „Wirt Karlson ist ein gutherziger und behilflicher Mann. Sie werden sich bei ihm wohl fühlen.“ In der Herberge bei Karlson wohnten schon Gäste, auch Auswanderer. Wirt Karlson lächelte froh. Die Gäste waren ihm sehr willkommen. Seb und Katrin, Willem und Müller wies er Plätze in der Ecke zu, was bei ihm eine besondere Ehre war. „Es soll euch hier gut gefallen", sagte er und lächelte wieder froh und treuherzig. In der Stube war es düster. Die Fenster mit trüben Glasscheiben waren klein. Die Luft war ebenso feucht und rauh wie draußen auf der Straße, wo Wagen dröhnten und Fußtritte schwer schurrten. Nach einer Weile fand Müller einen Gesprächspartner. Es war der Offizier Daniel Damke, der sein Bettlager neben Müller hatte. Damke war aus Schwerin hierher gekommen und hatte sich fest vorgenommen, in Rußland Offiziersdienst anzunehmen. Er hatte lange Jahre Krieg hinter sich und jetzt, da Frieden eingetreten war, war es ihm zumute, als ob er ausgespielt hatte. Im Krieg gibt es selten eine goldene Mitte, wo der Krieger immer und überall mit heiler Haut davonkommt. Damke hatte Unglück im Krieg. Er konnte keinen festen Stand für sich erreichen und hatte auch nichts erbeutet, wovon er jetzt ohne Dienst hätte leben können. Für sein Mißgeschick machte er den Krieg verantwortlich, und an dem Krieg, sagte er, sei Preußen schuld. Müller bestätigte die Meinung Damkes. „Ja", sagte Müller, „das habe ich schon oft gesagt und werde es immer sagen: der Preußenkönig Fritz ist schuld." Dies ermutigte Damke. „Er hat Deutschland zerrüttet, darum sage ich: fort mit dem Hohenzollern Fritz, zurück zu Heinrich dem Löwen!" Damke schrie, daß die Anwesenden aufhorchten. „Wie sich der Mann entrüstet", sagte Hans Haal, ein Bauer aus Sachsen. Philipp Schreiner erwiderte darauf: „Bei ihm wirkt mehr der Branntwein, den er geschluckt hat, als sein Verstand im Kopf." Haal schmunzelte dazu. Damke erzählte, daß es hier viel Branntwein gebe und er rieche ihn von weitem. „Er ist so stark, daß er, wenn man ihn noch im Munde hat, schon prickelnd durch die Beine zieht." Seb und Katrin waren bei Priester Herd Wegen ihrer Kopulation erschienen. Herd war mittleren Alters und Brautpaar durchdringend an. Am Anfang sagte der Priester, daß es nicht möglich wäre, das Ritual zu ändern. Die Brautzeit müsse eingehalten werden. Als Seb ihm aber ausführlich erklärte, daß er nichts an seiner Lage ändern könne und in einigen Tagen zu Schiff gehen müsse, so daß seine Kopulation mit Katrin nicht zustande kommen könne und somit der Wunsch des Brautvaters unerfüllt bliebe, wurde Herd weicher und gab nach. Er verlangte, Seb solle ihm zwei Zeugen stellen, die bestätigen könnten, daß Seb und Katrin nicht verheiratet und nicht verwandt sind. Herd sagte, er käme ihnen, von der Einsicht in Seb und Katrins Lage geleitet, großzügig entgegen. „Man soll nie sein Herz verlieren und teilnahmslos gegenüber seinen Nächsten sein", meinte er. Am nächsten Tag erschienen Seb und Katrin wieder bei Priester Herd und mit ihnen als Zeugen Willem und Müller. „Die Pastoren sind feige Männer. Sie halten alle Menschen für Gauner und fürchten sich beständig vor Betrug", sagte Müller ganz mißgestimmt von dem Branntwein, den er zuvor mit Damke getrunken hatte. Herd nahm amtsgemäß die Zeugenaussagen unter Schwur entgegen. Er bemerkte auch, daß irgendein Widerwillen in den Zeugen stak, und fragte Müller: „Quält Sie Ihr Gewissen?" „Nicht im geringsten", war die kurze Antwort. „Sie haben irgend etwas auf dem Herzen, was Sie drückt, und Sie wollen es nicht gestehen," behauptete Herd. Müller fühlte den hartnäckigen Druck des Priesters und wurde nachdenklich. Nach kurzem Schweigen sagte er: „Eben gerade das ist mein Unglück, daß mein Herz leer ist. Nichts drückt es, nichts treibt es, nichts hält es. Wenn jemand mein Herz anrührt, rumort es wie ein leeres Faß." Müller sprach traurig und leidvoll. Herd ließ von Müller ab. Er fühlte die hohe Pflicht, mit den Auswanderern ernst und tief zu sprechen. Herd begann seine Unterhaltung mit der Warnung vor bekannten und unbekannten Gefahren, die den Auswanderer, der in die weite Welt zieht, gefährlich bedrohen. „Mag euch Not und Elend quälen, das Schwert des Feindes eure Häupter treffen, der Tod euch vor Augen stehen, verliert nie den Glauben an unsere wahre Erkenntnis. Die Angriffspunkte sind groß. Da entdecken manche Grübler und Sucher Naturgesetze und anstatt sie als Offenbarung zu erkennen, versuchen sie unsere allumfassende Erkenntnis damit zu schwärzen. Der Franzose Diderot lehnt die göttliche Verwaltung von Natur und Leben ab. Dieser Gottesleugner hat Anhänger, sein Lug verbreitet sich immer mehr. Der Schwede Linné stellt Mensch, Pferd und Rind in eine Reihe. Er zählt den Menschen zu den Säugetieren. Das ist unerhört. Solche Ketzer werden euch auch in der Fremde begegnen. Sie sind auch unter euch. Hütet euch vor ihnen. Man wird euch mit Entdeckungen, Kultur und Fortschritt zu verwirren suchen. Glaubt den fremden Worten nicht. Das Wort ist die stärkste Gewalt auf der Welt. Nur der Mensch besitzt das Wort. Es ist der Anfang von allem und die Macht des Menschen. Darum achtet das Wort und geht vorsichtig mit ihm um." Alle vier: Seb, Katrin, Willem und Müller hörten aufmerksam zu, wie es sich gebührt, wenn ein Pastor spricht. Auf jeden von ihnen hatte die Rede nur einen flachen Eindruck gemacht. Die Reden der Pastoren haben schon seit eh und je einen mehr oder weniger bekannten Inhalt und sind darum für jeden Christen Gewohnheit. Innerlich widersetzte sich Müller den Behauptungen des Geistlichen. Die Philosophie vom Wort schien ihm nicht ganz glaubhaft. Er überlegte: Das Wort ist ein unregelmäßiger Lärm, der verklingt, und das Wort verschwindet unwiderruflich. Wenn es gehört und verstanden wird, dann kann es Folgen haben. Müller kapierte nicht, was Macht und Gewalt damit zu tun haben, weil diese Richtlinien des Lebens dem Besitzer in der Hand liegen und nicht im Munde. Herd ging auf rein weltliche Besprechung über. Er sagte, daß der junge emporstrebende Norden mit dem alten verknöcherten Süden einen langwierigen Kampf geführt hat. „Jetzt haben sich endlich die Seiten ausgesöhnt. Deutschland liegt aber danieder. Voller Wunden und schwach ist unser Vaterland. Es kann heute nicht allen Deutschen Streben und Tüchtigkeit gewähren. Deutsche gehen in die Fremde. Aber verliert euch nicht. Bald wird Deutschland einig und stark sein, dann kehrt zurück in eure Heimat, um Glück und Freude zu genießen." Herd sprach das Ende seiner Rede frohlockend aus, und unter dem hohen Gewölbe der Kirche klangen seine Worte rührend und begeisternd. Es trat völliges Schweigen ein, als seien Redner und Zuhörer immer noch unter der Wirkung der Worte des Priesters. Herd fragte, ob jemand Fragen zu klären hätte. Darauf Willem: „Wird die Kirche Seelsorger für die Auswanderer nach Rußland schicken?" Herd gefiel diese Frage sehr, Und er lächelte zufrieden. „Die Kirche", sagte er, „wird euch nie vergessen. Sie wird eure Gemeinden nicht ohne Hirten lassen." Die Kopulation des Brautpaares war ohne Prunk und Aufzug. Willem, Müller und Damke und ein paar Auswanderer aus der Herberge wohnten der Zeremonie bei. Auch einige Bürger aus dem Kirchenspiel waren zugegen. Seb und Katrin blieben ernst und ruhig. Sie befolgten alle Teile des Rituals ohne äußerliche Zeichen von Aufregung. Es schien, als sei die Zeremonie für sie eine gewohnte Sache. Willem aber zitterte am ganzen Körper. Er starrte unentwegt auf das Brautpaar. Müller bemerkte Willems Betragen und sagte: „Sei unbesorgt. Es läuft alles wie geschmiert. Jetzt kann es schon kein Zurück mehr geben. Noch einige Minuten, und Seb und Katrin sind Mann und Frau." Nach der Kopulation fand im Gasthaus „Zur runden Kugel" bei Gastwirt Schmidt ein Festessen statt. Schmidt hatte die Stube mit Rosen, Nelken und Herbstzeitlosen geschmückt. Der Tisch war reichlich mit Schweinebraten und süßem Kuchen gedeckt. Auch Branntwein fehlte nicht. Seb hatte nicht so viel bestellt. Weil es aber seine Hochzeit war, freute er sich über die reich gedeckte Tafel. Es wurde gegessen und getrunken, gratuliert und gute Wünsche wurden ausgesprochen. Als man schon den Branntwein spürte, wurde musiziert und gesungen und auch getanzt. So belustigte man sich bis zum späten Abend. Alle waren guten Muts. Nur Willem war traurig und niedergeschlagen. Müller sagte zu Damke: „Was mit Willem ist, verstehe ich nicht. Er war immer so rege und munter, in der letzten Zeit aber benimmt er sich wie ein Kranker." „Er ist verliebt. Wenn ich in meiner Jugend verliebt war, war ich völlig krank", erklärte Damke. Als Seb den Wirt nach der Rechnung fragte, sagte dieser: „Sie ist schon bezahlt." Seb war bestürzt. Er fragte: „Wer ist mein Wohltäter?" „Eine wichtige Person der Stadt hat Ihnen die Ehre erwiesen." Wirt Schmidt sagte, er dürfe den Namen jetzt nicht nennen, aber Seb wird seinen neuen Freund bald sehen; dürfen und mit ihm auch sprechen können. Seb gefiel die ganze Geschichte nicht. Er wollte schon verlangen, daß man ihm die Rechnung vorlege. Müller hielt ihn zurück: „Sei nicht voreilig, Seb. Der Zahler hat vielleicht die allerbeste Absicht und will sich für einen Dienst bei dir bedanken. Mir hat einmal ein junger Edelmann hundert Taler geschenkt, weil ich ihn vor einigen Jahren, als er am Ertrinken war, aus dem Wasser gezogen hatte." Auch Katrin belehrte ihren Mann, daß man für Wohltaten immer dankbar sein muß, auch wenn sie einem durchaus nicht gefällig sind. Am Morgen in der Frühe erschien in der Herberge bei Gastwirt Karlson ein vornehmer Herr und fragte nach Sebastian Bauer. Der Mann war in Kaufmannskleidung, mit schwerem Filzhut, der ihm fest und tief auf dem Kopf saß. Als er Seb gegenüber stand, lächelte er freundlich und bat Seb, ihm zu folgen, da er mit ihm nähere Bekanntschaft anstrebe und Seb daraus gewiß keinen Nachteil haben werde. Seb schaute den Mann prüfend an. „Gut oder schlecht", sagte Seb, „die Langeweile in Erwartung auf Wind kann man sich so vertreiben." Herbert Notke, so hieß der Kaufmann, sah Seb mit scharfen blauen Augen an. „An Zeitvertreib hatte ich noch keine Not. Ich kann Sie in das Geheimnis einweihen, wie man mit der Zeit umgehen muß", erklärte Notke. „Da bin ich neugierig drauf", sagte Seb. Notke lachte vergnügt. „Zuerst das Wichtigste davon. Wie nichts anderes steht allen Menschen die gleiche Zeit zur Verfügung — vierundzwanzig Stunden pro Tag. Kein Mensch kann von seiner Zeit jemandem etwas abgeben oder von einem anderen borgen. Ein Jeder muß seine Zeit selbst ausnützen. Und so passierte es, daß der eine zuviel Zeit hat, der andere zuwenig, und dem dritten reicht die Zeit gerade aus." Vor der Herberge stand eine Kutsche, und Seb und Notke fuhren in die Kaufmannssiedlung. An der Seite sah man die alte Burg, das Domviertel und das stille Wasser des Flusses, der die schwerbeladenen Schiffe hinaus aufs Meer trug. Der Himmel war trübe, und feuchter Nebel umschleierte die alte stille Stadt. Notke führte Seb in sein mehrstöckiges Haus aus Backstein in gotischem Stil. Die Stube, in der sie sich niederließen, war mit guten Möbeln eingerichtet, auch gab es hier teuren Zierat. An der Wand hingen Bildnisse von Notkes Vorfahren. Notke zeigte sie Seb mit Stolz und sagte, daß sein Familienstammbaum bis ins 16. Jahrhundert reiche. Heiter und froh begann Notke Seb sein Anliegen darzulegen: „Sie haben Glück", sagte er zu Seb, „in den letzten Stunden vor der Abfahrt kommen Sie von der gefährlichen Auswanderung nach Rußland weg." „Ich verstehe nicht, Herr Notke, wird man uns hier festhalten?" fragte Seb erstaunt. „Nein, das kann die Stadt nicht machen, so nötig es auch wäre." Der Kaufmann erzählte, daß die Stadt Arbeitshände brauche. In der neueröffneten Zuckermacherei fehle es an Leuten, Er erklärte, die Zuckermacherei gebe viel Gewinn, und er als der Hauptanteilbesitzer verliere viel Geld durch den Mangel an Arbeitshänden. Man ist daran, eine Zigar-renmacherei zu errichten, wo man nicht weniger Hände brauchen wird, klagte Notke. Nach kurzem Schweigen sprach er in heiterer Stimmung weiter: „Hände, Hände, überall Hände. Die Hände schaffen den Geist, und der Geist führt die Hände — so ist das Menschenleben." Er erklärte Seb, daß die Stadt die Auswanderer nicht halten kann, um sich mit Rußland nicht zu verfeinden. „Rußland ist jetzt noch unsere einzige Hoffnung. Schweden und alle, die über dem Sund sind, haben uns Hamburg genommen, und auch mit Rußland steht es für uns nicht gut. Der Handel mit Nowgorod ist eingeschlafen. Vielleicht wird uns Petersburg helfen." Aus dem Gespräch mit Notke verstand Seb, daß Rußland für den Kaufmann von großer Bedeutung war. Notke erklärte seine Sorge um den Handel mit Rußland: Land ist im Aufstieg begriffen. Heutzutage erzeugt man in Rußland Eisen, Kupfer und auch Tuch Wir müssen uns daher umstellen und neue Waren für Rußland bereithalten." Der Kaufmann sagte, daß er von Pastor Herd ein Vertrauenswort für Seb habe. „Pastoren", erklärte Notke, „sind Menschenkenner weil ihnen die Menschen ihr Herz ausschütten, wozu auch jeder Mensch das Bedürfnis hat." Seb erfuhr endlich, daß man ihn in der Zuckermacherei als Aufseher anstellen will. "Für die vielen Hände muß ein wachsames Auge da sein, damit sie nicht stehlen und fleißig arbeiten", sagte Notke. Auch für Willem hatte der Kaufmann einen Dienst, und für Katrin versprach er vornehme Bürgergesellschaft. Seb wollte widersprechen, aber Notke ließ ihn nicht zu Wort kommen. "Ihre Geldschuld an den Kommissar werden wir dek-ken. Aber Sie dürfen auf keinen Fall verlauten hissen, daß wir Sie zurückgehalten haben. Sagen Sie einfach, Sie hätten sieh besonnen und beschlossen, nicht nach Rußland auszuwandern. Befürchten Sie keine Drohungen. Die russische Regierung hat hier noch keine Gewalt über Sie." Wieder wollte Seb was sagen, aber Notke fiel ihm ins Wort. „Wenn es um Vorteil geht, müssen Ehre und Anstand zurücktreten. Ein jeder greift nach dem Besseren. Auch Könige und Kaiser ziehen Gewinn dem Verlust vor." Seb erklärte, daß er in keinem Fall Notkes Vorschlag annehmen könne, weil es ihn nach Rußland zieht, fort voll hier, wo alles schon so geläufig und gleich ist. „Das sind Jugendeinfälle, die nur in Gedanken schön, aber für das Leben verderblich sind." Weiter versuchte Notke, Seb Furcht vor Rußland einzuflößen. Er sagte: „Im Vertrauen gesagt: Rußland ist ein rohes Land, und nur wer zugrunde gehen will, kann sich in das halbwilde Reich begeben." Seb schaute Notke ernst an. Notke verstand, daß er Seb hoch nicht reumütig gemacht hatte. Er begann wieder zu erzählen, daß in Rußland eine strenge Herrschaft der adeligen Gutsherren über ihre Hörigen bestehe. Bürger und freie Bauern gebe es in Rußland nicht. Alle nichtadeligen Menschen seien der Willkür der adeligen Herren ausgesetzt. Es sei nicht ausgeschlossen, daß auch die freien Einwanderef den adeligen Gutsbesitzern unterstellt werden „Ich fahre nach Rußland", sagte Seb, "Für die Fürsorge meinen innigsten Dank. Die Rechnung für die Hochzeit zahle ich Gastwirt Schmidt." Notke war bestürzt. Er stampfte zornig mit dem rechten Fuß auf den Boden. Es trat eine quälende Pause ein. Dann sagte Notke: „Handeln Sie nach Ihrem Willen. Ich will Sie nicht daran hindern. Wir Kaufleute sind für die Freiheit. Unsere Stadt war hundert Jahre die Feste der Freiheit und soll et mich weiter bleiben. Seinen Willen einem anderen Menschen aufzwingen, heißt die Freiheit verletzen." Kaufmann Notke fuhr Seb zurück in die Herberge. Beide saßen friedlich in der Kutsche und sprachen kein Wort mehr über die Auswanderung nach Rußland. Notke zeigte auf die Burg und sagte: „Sie ist der Anfang unserer schönen Stadt, auf die wir heute mit Stolz und Liebe blicken." Es war stilles warmes Wetter, was für die Schifffahrt so unerwünscht war. Als Seb in die Herberge kam, waren Katrin und Willem nicht zu finden. Müller war mit Damke ausgegangen, hörte Seb von Philipp Schreiner. Wohin Katrin und Willem sich begeben hatten, wußte niemand zu sagen. Seb ging auf die Straße und hielt nach allen Seiten Ausschau. In den engen steinernen Gassen konnte man nicht weit sehen. Es war ruhig, und nichts erweckte seinen Verdacht. Die Menschen gingen still ihrer Wege, und auch die Fuhrwerke fuhren friedlich dahin. Aber was kann nicht alles mit einem Menschen in einer fremden Stadt geschehen? Nicht weit war das offene Meer, und Schiffe kamen und gingen. Unter den Schiffern gab es sehr oft Menschen mit schlechtem Gewissen... Mit jeder Minute wuchs die Unruhe in Seb. Spät am Abend hielt eine Kutsche vor der Herberge, und Katrin und Willem stiegen aus. Katrin sah sogleich, daß Seb aufgeregt war. Sie schmiegte sich an ihn und schaute ihm demütig in die Augen. „Gleich danach, als du mit dem Herrn Kaufmann fortgefahren warst, kam ein ebenso wichtiger Mann zu mir und bat mich und Willem dir zu folgen. Anfangs traute ich ihm nicht. Als ich dich aber vor uns in der Kutsche sah, war ich ganz sorglos und fuhr ruhig mit", erzählte Katrin. Am Hause des Ratsherrn Wandt hielt die Kutsche an. Katrin und Willem führte man in eine große Stube. Die Stube war reich geschmückt und gut möbliert. An der Tür stand ein Hausknecht, und eine Magd mit schönem zarten Gesicht und reizender Gestalt bediente die Angekommenen höflich und sanftmütig. Willem traf einmal ihre treuherzigen Augen, und ein Zug der Erregung durchströmte ihn. Er mußte sich bemühen, vor Katrin seine Wallung zu verbergen. Für Katrin war es ein Rätsel, was Herr Wandt durch die erwiesene Ehre von ihnen erreichen will. Seb hatte man in ein Haus gebracht, sie und Willem in ein anderes. All dieses schien beinahe verdächtig. Es ist aber unmöglich, daß diese hohen Herren Räuber sind, dachte Katrin. So hatte sie sich die Reise nicht vorgestellt. Sie glaubte, daß sie ruhig und ohne Hindernisse verlaufen wird. Katrin ließ nichts von dem Eindruck, den die prachtvolle Stube auf sie machte, merken. Willem war unruhig. Er schielte Katrin schlau an, als wollte er sagen: Hier will man uns ins Feuer nehmen. Ratsherr Wandt war ein großer schlanker Mann. Er hatte ein starres, aber würdevolles Gesicht. In der Hand hielt er einen Stock, den er nie losließ. Der Stock war bei ihm der verlängerte Arm, den er beständig bewegte und so mit dem Stock seine Gedanken und seine Stimmung zum Ausdruck brachte. Wandt setzte sich Katrin gegenüber und faßte sie fest, aber gutmütig in die Augen. Seine erste Frage an Katrin war, ob sie wohl frei und aus eigenem Wunsch nach Rußland ziehe, oder ob eine unbekannte Ursache sie dazu gedrängt habe. "Aus eigenem Trieb und Wunsch", war Katrins kurze Antwort. Scheinbar war dies für Wandt unerwartet. Er beharrte nicht auf seiner Frage und erzählte von der Stadt. „Wir“, sagte er wichtigtuend, „sind führend in Deutschland, Vorbild für die anderen Städte." Auch dies rührte Katrin wenig, und Wandt ging geradewegs auf sein Ziel los. Er sagte: "Ihr dürft nicht nach Rußland ziehen. Euer Leben in bringt Deutschland großen Schaden. In Zukunft unser Vaterland als das stärkste Reich in Feinde werden sich dann auf Deutschland stürzen: Rußland, England und Frankreich. Ihr werdet dann euren deutschen Brüdern als Feinde gegenüberstehen. Ist das nicht abscheulich? Ist das zulässig?" „Unsere Männer sind auf hundert Jahre vom Soldatendienst befreit", erklärte Katrin. „Das sind nur Versprechen, und sie können im Handumdrehen zunichte gemacht werden." Wandt schmunzelte. „Rußland wird von einer Selbstherrscherin regiert. Wie könnt ihr sie zwingen, ihr Versprechen euch gegenüber zu halten? Ihre Macht ist tausendmal größer als die eure. Vielleicht denken Sie, ihr Gewissen wird es nicht zulassen, daß sie ihr Wort bricht. Schamgefühl, Ehrgefühl! Von all diesem haben Selbstherrscher keine Vorstellung, weil sie ihre Taten vor dem Volk nicht verantworten. Sie brauchen mit nichts und niemand zu rechnen. Seid ihr erst mal unter russischer Botmäßigkeit, dann müßt ihr alles über euch ergehen lassen, was des Herrschers Wille ist." Katrin hörte aufmerksam zu, sagte aber, daß ihr Vorhaben fest ist und nichts sie davon abhalten kann. „Mein Mann, Seb Bauer, entscheidet über diese Frage, und ich werde ihm folgen." Willem nickte Katrin zustimmend zu. Wandt dachte lange nach. Man sah es ihm an, daß er es nicht leicht hatte. „Ich habe meine Pflicht getan", sagte er ehrfurchtsvoll, „niemand kann mich beschuldigen, daß ich die Auswanderer nicht vor ihrem Unglück gewarnt habe." Des Ratsherrn starres Gesicht wurde weicher. Er lächelte freundlich. „Was ich mit Ihnen besprochen habe, muß unter uns bleiben. Die Stadt kann und darf ihre Beziehungen zu Rußland nicht verschlechtern. Wir verstehen gut, daß wir von dem großen und rätselhaften Reich stark abhängig sind." Wandt schielte nach Katrin. Als seine lüsternen Blicke Katrins Augen trafen, sagte er: „Schade, daß so ein reizendes Weibsbild uns verläßt. Ich beneide diejenigen, die die Schönheiten Frau Katrin bewundern dürfen." Dieser Schmeichelei konnte. Katrin nicht widerstehen. Sie färbte sich rot im Gesicht, lächelte kaum merklich. Willem brummte vor sich hin und schaute den Ratshernn böse an. Wandt verfiel wieder in seine väterliche Rolle. „Starrsinn hat schon oft großes Unglück gebracht. überlegen Sie sich gut, was Ihnen bevorsteht. Jeder Deutsche muß vor allem vernünftig handeln. Gefühlen folgen ist nicht unsere Art. Wir stüfeen uns immer auf Tatsachen und überlegungen. Das Leben ist viel zu wertvoll, um es sinnlos zu vergeuden." Katrin und Willem wurden unruhig. Wandt winkte der Magd an der Tür, und diese brachte sogleich auf einem Teiler Becher mit Wein und Wildbret als Imbiß. „Zum Abschied", sagte Wandt, „auf euer Glück." Weiter sagte er, sie sollen sich in der Fremde an ihn und seine Worte erinnern. Er sei durchaus nicht böse, weil sie nicht auf ihn gehört haben. Es sei seine Pflicht als Ratsherr, den Leuten zu helfen, ihnen beizustehen und sie vor Unglück zu bewahren. Seb dachte lange über das Bemühen der Bürger der Stadt nach. Es schien ihm, als wollten sie ihn hindern, sein Glück zu erreichen. Er sagte zu Katrin: „Mir sind diese Gespräche zuwider. Ich sitze hier wie auf glühenden Kohlen. Wenn es doch bald fortginge von hier." In der Herberge wurde bekanntgemacht, daß in der Marienkirche Gottesdienst für die Auswanderer stattfinden wird. Den Auswanderern war das gefällig. Ihnen stand eine lange Reise auf dem Meer bevor. Die Predigt hielt Pastor Fischer. Die Auswanderer hörten aufmerksam zu. „Furcht und Ergebenheit schützt euch vor Unglück und Not", sagte der Pastor. „Wer sich bescheiden aufführt, hat keine Feinde in der Welt. Alles Elend kommt von bösen Geistern. Ob sie Gestalt haben oder ohne Körper umher schweben, sie sind es, die euch angreifen, euch Leid zufügen oder euch sogar eures Lebens berauben." Damke flüsterte Müller ins Ohr: „Der Pfarrer will uns bange machen. Ich zweifle daran, ob der Pastor so viele Kenntnisse von Feinden hat wie ich. In der Schlacht bei Roßbach habe ich wenigstens ein paar Tausende gesehen, und wäre ich nicht geflohen, hätten mich die Kanaillen sicher umgebracht. " "Ich denke auch so", sagte Müller, „das sicherste ist, man flieht vor seinen Feinden." Seb und Katrin waren in tiefe Andacht versunken. Nach Beendigung der Predigt sagte Fischer in weltlichem Ton: "Vergeßt nicht, daß ihr Deutsche seid. Wer sich verleugnet, hat seinen Verstand verloren. Niemand ehrt den, der sich selbst nicht ehrt. Von ganzem Herzen wünsche ich euch Glück im fremden Lande. Doch ich will Gott bitten, daß er euren Geist erleuchtet und euch von dem gefahrvollen Weg zurückhält." Viele der Auswanderer waren traurig geworden. Die Leute aus dem Kirchspiel, die dem Gottesdienst beiwohnten, schauten die Auswanderer mitleidsvoll an. Ein dürrer Mann mit fahlem Gesicht sagte zu Willem vor der Kirche nach dem Gottesdienst: „Bleib im Land und nähre dich redlich." Willem darauf schroff: „Das geht dich an, weil du vor Angst in fremdem Land sterben wirst." Die Auswanderer gingen zurück in die Herberge. Der Tag der Abfahrt nahte, und damit kam die Schwermut des Abschieds von der Heimat. Hans Haal starrte lange ins Weite, dann brummte er seine Gedanken laut aus: „Mir wird es in Rußland nicht gefallen. Ich werde dort darben müssen, mißmutig sein, und nichts wird mich freuen." Sein Nachbar, Salomon Klein, nickte ängstlich. „Ich", sagte er, „ginge gleich mit zurück in mein Land. Wenn auch mit Harm und in Not, aber zu Hause bei den Landsleuten." Katrin fragte Seb, warum alle Menschen ihnen abraten, nach Rußland zu gehen. Seb schaute Katrin gerührt an. „Die Leute sorgen sich um uns." „Und warum schimpfst du über sie?" Seb erklärte, daß er Widerstreben gegen seinen Willen nicht vertragen könne. Er sagte, daß er den Ratgebern zürne und sie dabei im Herzen ehre für ihre Teilnahme an seinem Schicksal. Katrin fragte Seb: „Suchen die Leute vielleicht ihren Nutzen und halten sich deshalb so fest an uns?" Seb nickte bejahend. Er erklärte: „Bauern und Handwerker erwerben ihre Güter von der Natur. Alle anderen nehmen ihre Habe von den Bauern und Handwerkern. Darum bemühen sie sich, die Schäfchen zur Schur für sich zu behalten." „Demnach wäre es wohl richtig, wenn alle Menschen Bauern und Handwerker wären?" fragte Katrin. „Nein", sagte Seb, „so kann die Welt nicht bestehen. Die Seelsorger bemühen sich um gute Sitten und ein reines Gewissen der Menschen, die Kaufleute fördern den Handel. Die Unternehmer ernähren die Lohnarbeiter, und die Fürsten regieren uns. Alle sind nötig." Katrin war mit der Erklärung nicht zufrieden. Nach einer Weile fragte sie: „Warum sind dann alle Leute mit den Geistlichen, Kaufleuten und Fürsten unzufrieden?" „Weil sie ungerecht gegen Bauern und Handwerker handeln." Am anderen Tag gingen Müller und Damke auf den Platz vor der Jakobikirche, wo sich das Volk der Stadt versammelte. Müller spielte auf der Geige. Damke sang Gotteslieder. Die Leute hörten hingerissen zu. Die zarten Töne von Müllers Geige rührten die Zuhörer tief. Damkes Stimme paßte sehr gut hinein. Ein vom Gesang befangener Mann gab Damke einen Taler und nannte ihn Maestro. Das erstemal merkte Damke, daß er für Psalmengesang Talent hatte. Er fühlte, wie er sich innerlich an seinem Gesang erbaute. Die Spenden waren reichlich. Müller schielte nach dem Becher mit den Münzen und verstand, daß für Branntwein für eine Woche gesammelt war. Damke war von seinem Erfolg begeistert. Er wäre nicht dagegen gewesen, die Abfahrt nach Rußland noch etwas aufzuschieben. Aber als er so recht zufrieden war, kam ein strammer Mann auf ihn zu, stieß ihn hart an und sagte böse: „Du, ich kenne dich. Du bist der Schweriner Offizier, der auf der Seite von Hannover gegen uns gekämpft hat." Damke war erschrocken. Er verstand alles im Nu. Mit einem Sprung war er in der Menge verschwunden. Müller erwischte das Geld und rannte auch davon. Die Menschen waren verwirrt. Einige erzählten, man hätte hier Seeräuber erkannt, andere wiederum sagten, der Sänger sei der in der Stadt bekannte Dieb Gustav Busch gewesen. Keiner setzte Damke und Müller nach. Die zwei kamen wohlbehalten ins Gasthaus „Zur runden Kugel" und zechten dort bis spät in die Nacht. Daß sich Willem und Katrin bei Ratsherrn Wandt einig waren und so gut wegkamen, machte Willem heiter. Guten Muts schlenderte er durch die Gassen und trällerte eine muntere Weise, die er von einem Strolch am Main gehört hatte. Plötzlich stellte sich eine Jungfer vor ihm auf. Willem erkannte die Magd des Ratsherrn Wandt. „Bist, frech, Bursch, fühlst dich auf den Gassen wie in deiner eigenen Stube", sagte sie liebäugelnd. Willem lächelte großmütig. „Ich bin entzückt von dem Engel, der mir so unverhofft erschienen ist." Er griff nach der Hand der Jungfer. „Ich heiße Luise, bin eines Schiffers Tochter." Willem drückte zärtlich Luisens Hand und zog sie an sich, eine Gewohnheit, die ihm gut geläufig war. Luise folgte geduldig dem Willen des Mannes. „Du ziehst nach Rußland?" fragte sie. „Ja, in ein paar Tagen geht es aufs Meer." „Nimm mich mit", sagte Luise. „Als ihr von uns fort ward, sagte der Ratsherr, daß ihr ihm gefallen habt. Jeder Mensch habe sein Glück auf Erden, sagte er, aber nicht alle finden es. Menschen, die nach ihrem Glück suchen, sind zu loben." Luise schwieg eine Weile, dann sagte sie: „Vielleicht ist mein Glück in Rußland?" Willem freute sich darüber. „Bei Gastwirt Schmidt kannst du dich melden und wirst mit uns fortkommen", sagte er ihr wohlwollend. Luise schaute Willem demütig in die Augen. „Aber du mußt mich erst heiraten", sagte sie entschieden. Willem starrte Luise an und konnte kein Wort sagen. „Heiraten?" kam es ihm mühevoll von der Zunge. Luise nickte. Er ließ Luisens Hände los und ging mit gesenktem Kopf und schweren Schritten fort. Luise sah ihm nach. Sie hoffte, Willem wird sich nach ihr umsehen, und sie würde ihm alles erklären. Doch Willem ging immer weiter fori. Tränen rollten ihr über die Wangen. Ach, wo ist ihr Heinrich? Vor zwei Jahren brachte ein Soldat ihr die Botschaft, daß Heinrich bei Alabama oder Louisiana gefallen sei. Der Bote wußte nur nicht genau, wo Heinrich gefallen war. Mit Heinrich war Luise verlobt. Vor ihrer Heirat wurde Heinrich als Soldat eingezogen. Der Herzog schickte ihn mit anderen jungen Männern nach England für den Krieg in Amerika. Vielleicht lebt Heinrich noch und wird zu ihr zurückkehren? Traurig kehrte Luise in das Haus des Ratsherrn Wandt zurück. Auch Willem kam schweren Herzens in die Herberge. Er wälzte sich die ganze Nacht hindurch auf seinem Lager. Am Morgen stand er früh auf und ging in die Stadt. Erregt wandelte Willem in den Gassen umher. Die Sonne ging auf und überstrahlte mit ihrem goldenen Ichein die Dächer der Backsteinhäuser. Es zog ihn nach dem Hause des Ratsherrn Wandt. Mehrmals ging er an dem Hause vorbei, aber Luise sah er nicht. Die Gassen füllten sich mit Menschen. Ein jeder ging seines Wegs, ohne Willem zu beachten. Am Abend erschienen in der Herberge bei Wirt Karlson zwei Männer. Einer war hoch von Wuchs und schlank, mit ungewöhnlich langen Armen, einer langen dürren Nase und großen trüben Augen. Der andere war das Gegenteil: klein, dick, mit scharfen Augen, die in den Augenhöhlen fortwährend hin- und herflogen. Die beiden hatten fürstliche Amtskleidung an, die ihnen schlecht am Leibe saß. Trotz ihrer ehrbaren Kleidung schenkte man den beiden nicht die geringste Beachtung. Sie nahmen an dem Tisch aus groben Brettern, der an der Wand stand, Platz und winkten Hans Haal zu sich. Der Kleine flüsterte Haal ernst und schnell etwas zu, während es der Große mit bedächtigem Kopfnicken bestätigte. Haal sah sich erregt um. Nach einer langen Unterhaltung zog Haal seinen Geldbeutel aus der Hosentasche und zahlte dem Großen ein Häufchen Münzen ab, der das Geld sofort in seinen großen Beutel steckte. Dann wechselten sie noch ein paar Worte mit Haal, wonach dieser zu den Auswanderern ging. Haal erzählte, daß die zwei Beamten alle Verpflichtungen, die die Auswanderer Rußland gegeben haben, aufheben können, wenn die betreffende Person diesen bevollmächtigten Männern zehn Taler Geld abzahlt. Wer diese Summe eingetragen hat» kann mit freiem Gewissen nach allen vier Seiten ziehen, und es bleibt ihm dabei ein beachtlicher Gewinn, da doch die Schuld eines jeden angeworbenen Auswanderers an die russische Regierung gegen hundert Taler ausmacht Die Zuhörer waren von dieser Neuigkeit erstaunt Es fanden sich bald Personen, die entschlossen waren sich loszukaufen. Einer erklärte seinen Entschluß: "Wir gehen einer großen Gefahr entgegen. Der weite Weg auf dem großen Wasser, wo wir alle umkommen können, und ein unbekanntes Land, wo uns vielleicht die Hölle erwartet." Als sich immer mehr Auswanderer entschlossen, ihre zehn Taler hinzugeben, wurden die fremden Männer frecher, und der Große verkündete laut in den Raum: „Wer es bereut, her! Morgen ist es zu spät!" Seb hörte die Bekanntmachung und ging an den Tisch zu den zwei Vermittlern. Er fragte, was sie da täten. Der Große versteckte sogleich seinen Geldbeutel an der Brust. Der Kleine steckte ein großes Messer in seinem Stiefelschaft zurecht. Als Seb laut und entschieden von den zwei Vermittlern Antwort verlangte, wurden diese böse. Der Kleine stellte sich kampfbereit. Der Große sagte: „Willst du bloß deine Knochen gebrochen haben oder lieber gleich sterben?" Seb wich nicht, und der Kleine zog sein Messer hervor und holte aus. Aber da hielten ihn Willem und Schreiner schon an den Händen fest und drehten sie ihm, daß er vor Schmerz aufheulte. Der Große ging jetzt mit einer gefährlichen Keule auf Seb los. Peter von der Lauterbach ergriff ihn im gleichen Augenblick an der Gurgel und würgte ihn, bis er ohnmächtig niedersank. Als man ihm das Hemd vom Leibe zog, um den Geldbeutel zu nehmen, sah man an seiner Schulter ein Brandmal. Mit tüchtigen Fußtritten stieß man zuerst den Kleinen, dann auch den Großen vor die Tür. Als man sie losließ, liefen sie eilig fort und verschwanden in der Dunkelheit. Der Große verlor ein goldenes Kreuz, worauf geschrieben stand: Altar der Marienkirche. In der Herberge gab es jetzt große Aufregung. Adam Scheck sagte, daß sich die Gauner unbedingt rächen werden, und man hätte ihnen das Geld lassen sollen, weil es ihnen freiwillig gegeben wurde. Niemand stand Scheck bei, und er schwieg. Vorsichtshalber stellte man für die Nacht eine Wache an die Tür. In der Herberge erschien Luise. Sie war ernst und sanftmütig. Willem war von ihrem Anblick so überrascht, daß ihn ein heißer Zug durchströmte. Er wußte nicht, was er Luise sagen sollte. „Willem", sagte sie, „die Worte vom Heiraten nehme ich zurück und möchte, daß du sie auf immer vergessen tätest." Sie sah Willem vertrauensvoll an: „Wenn du das nicht machst, finde ich keine Ruhe mehr." Willem war so tief gerührt, er wollte ihre Hand nehmen, doch Luise kehrte ruhig um und ging fort. Willem schaute verwirrt nach Katrin, die ihn mitleidsvoll anblickte. In der Nacht nach der Begegnung mit Willem träumte Luise von Heinrich. Er war traurig und niedergeschlagen und schaute immer von ihr weg. Als Luise ihn fragte, warum er sich der Begegnung mit ihr nicht freue, sagte er, daß die Worte vom Heiraten, die sie Willem gesagt hatte, ihm Kummer bereiten. Er sagte noch, daß König Georg III., wenn er die ungehorsamen Kolonisten von Neu-England bezwungen hat, ihn nach Deutschland gehen lasse. Seit diesem Traum war Luise wieder in tiefer Trauer um Heinrich. Spät am Abend vor dem Schlafengehen betete Gastwirt Karlson zu Gott. Erst sang er einige gottpreisende Lieder, was er immer tat, wenn es ihm schlecht oder gut ging. Heute sang Karlson anders als sonst. Seine Stimme klang voll und tönend. Jedes Wort und jeden Laut sprach er geprägt und klar aus. Die Flamme der Kerzen und die Wände der Kammer schwangen erhaben, ergriffen von der Stimme des andachtsvollen Sängers. Auch die dunkle Stubendecke, an der Schatten hin und her flatterten, schien in Bewegung zu sein. Nach Beendigung des Gesanges brachte Karlson seine Bitten in Worten vor. Er sagte: „Allmächtiger Schöpfer, Herr und Gebieter, erfülle meinen Wunsch, damit ich Dich ehren und Dir gehorsam sein kann. Gib den Schiffen, die nach Rußland gehen, keinen Fahrwind, damit meine Herberge noch lange voll besetzt ist. Auch segne und bewahre die russische Kaiserin Katharina II., die den nützlichen Einfall hat, in Deutschland Auswanderer nach Rußland zu werben. Beweg sie dazu, daß sie immerfort Ausländer nach Rußland lockt." Karlson hatte vielleicht noch einige Bitten vorgebracht, wenn nicht ein Tumult in der Herberge und erboste Stimmen Ihn davon abgebracht hätten. Er lief schnell in die Herberge. Willem faßte Adam Scheck an der Brust und drückte ihn an die Wand. Scheck war bleich im Gesicht und schaute ängstlich um sich. Als es in der Stube ganz still geworden war, glaubte Scheck, alle schliefen, und er Willems Bündel und begann dort vorsichtig zu suchen. Willem erwischte Scheck, und da erwachten noch mehr Männer, die wütend auf den Dieb losschrien. Scheck erklärte, er habe nach dem goldenen Kreuz gesucht, um damit seine Krankheit zu heilen. Das Kreuz war aber bereits dem Altar zurückerstattet. Alle haften sich bald beruhigt und schliefen ein. Die Einwohner der Herberge bereiteten sich zur Abfahrt vor. Jeden Tag konnte es soweit sein. Es war trübes stilles Wetter. Dichter Nebel verschleierte die Stadt. Ab und zu blies nur leichter Wind vom Meer her. Ein junger Bursche kam hastig in die Herberge. Er trug schwere Bündel und war erschöpft. Er fragte nach Sebastian Bauer. Seb stellte sich ihm vor, und sogleich erkannte der Bursche auch Katrin. Er sagte, Katrin sei ihrem Vater sehr ähnlich, Meister Linneberger. Der Bursche nannte seinen Namen, Florian Wagner, und sagte, daß er aus Koblenz von Katrins Vater und Mutter Botschaft bringe. Florian erzählte, daß Meister Linneberger ihn in der Herberge „Beim Schwarzen Jakob" gefunden habe. Linneberger wollte sich mit Auswanderern treffen und besuchte darum alle Herbergen der Stadt. Die Regierung verfolge jetzt streng alle Auswanderer, und diese können sich jetzt nicht mehr am Rheinufer versammeln. Florian sagte, daß Philipp Linneberger ihn in sein Haus genommen und wie seinen eigenen Sohn beherbergt hatte. Er öffnete die mitgebrachten Bündel und überreichte warme Wämser aus dickem Tuch, wollene Strumpfe und Schuhe. Katrin lächelte aufgeregt und schaute bald Seb, der sich auch freute, dann wieder den rotbäckigen Florian an. Zuletzt reichte Florian ein großes Bündel, das sorgfältig Verpackt war, Katrin hin. „Von Mutter Marget", sagte er, „Windel und Kindersachen." Katrin schluchzte und lächelte dabei. Sie lehnte sich an Seb und streichelte ihm zärtlich den Arm. Florian sagte, daß er mit noch einigen Dutzenden Auswanderern angekommen sei und jetzt mit Seb und Katrin weiter reisen wird. Danach überreichte er Katrin einen Brief von ihrem Vater. Katrin öffnete ihn und las. Tränen rollten ihr über die Wangen. Ihr Vater schrieb, daß er vor Wehmut krank ist. Er wartet jetzt schon auf ihre Rückkehr nach Koblenz. Ihm ist es, als sei sein Haus ausgestorben. das Licht verloschen und die Luft zum Atmen habe sich verflüchtigt. Er war beim Ratsherrn Bellenger. Bellenger sagte, daß die Regierung des Bistums sich an den Kaiser gewandt hat, er soll Maßnahmen zur Verhinderung der Auswanderung aus dem Deutschen Reich unternehmen. Auch wurde darauf hingewiesen, daß die Freistädte am Meer den deutschen Ländern zuwiderhandein, da sie ungehindert deutsche Männer und Frauen durch ihre Häfen in andere Reiche ziehen lassen. Aber die Freistädte am Meer fürchten den Kaiser nicht, weil sie sich hinter dem Rücken von Hannover und Preußen verstecken. Der Kaiser wird ja schwerlich gegen die Städte Machtmittel anwenden, da österreich durch die Auswanderung nicht leidet. Mit Preußen will der Kaiser keinen neuen Krieg anfangen, weil er befürchtet, die neue russische Kaiserin könnte Preußen beistehen, was für österreich den Untergang bedeuten würde. Aber trotzdem, schrieb Philipp Linneberger, bete er jeden Tag zu Gott, daß er den Kaiser bewege, Truppen in die Hafenstädte zu schicken, um der Auswanderung ein Ende zu machen. Katrin weinte bitterlich. Auch Seb war traurig, aber er versuchte Katrin zu trösten. „Alte Leute sind kleingläubig. Sie sehen Gefahr, wo keine ist." Katrin nickte bejahend, doch die Eltern taten ihr leid. Seb fragte Florian, ob er eine Familie bei sich habe oder ob er noch ledig sei. Florians Gesicht wurde sogleich düster: „Bin ledig und reise allein. Zu Hause in Hessen habe ich eine Braut, Maria, sie wartet auf mich, und ich werde ihr treu bleiben", sagte er ernst und fest. „Da kann sie warten, die Maria, bis ans Ende ihres Lebens", bemerkte Peter von der Lauterbach, der Florians Worte gehört hatte. „Oder denkst du, an die Wolga ziehen wäre so wie über den Main von Frankfurt nach Offenbach fahren? Rußland hat feste Grenzen. Kein Land auf der Welt hat an den Grenztoren solche großen Sohlösser wie Rußland. Von Rußland gibt es kein Zurück." Seb unterbrach Peter von der Lauterbach. „Die Schlösser sind für die Russen. Uns geht das nichts an." Florian blieb aber traurig. Um ihn versammelten sich Männer und Frauen, die früher von Koblenz hierher gekommen waren. Alle fragten nach der Heimat, wie es dort aussieht, wie das Wetter ist und was sich dort, seitdem sie fort sind, verändert hat. Die Bauern fragten, ob die Gutsbesitzer immer noch das Flurrecht haben, ob die Waldgerechtigkeit wohl geregelt sei. Die aus den Städten fragten, ob die Gesellen die Meister zum Nachgeben gezwungen hätten oder nicht. Als ob sich in der kurzen Zeit ihrer Abwesenheit etwas hätte ändern können. Am letzten Tag vor der Abfahrt erschien bei Seb unerwartet Kaufmann Notke. Er brachte zwei Kisten in die Herberge und übergab sie Seb. „Das ist Essen auf die Reise für Sie und Ihre Freunde", sagte er zu Seb. „Da sind geräucherte Fische, Würste, Zwieback, Zucker und Tee. Das Essen auf den Schiffen ist schlecht, Ihre Reise dauert lange, Rußland ist weit." Er sagte, daß die Kisten ein Geschenk sind, welches Pastor Herd zusammengestellt hat. „Ratsherr Wandt und noch einige meiner Freunde haben auch etwas dazugegeben", erklärte Notke. Seb dankte für die Fürsorge, die man ihm zukommen ließ. Notke erzählte, daß er gedenke, mit noch anderen Kaufleuten ein Schiff mit Waren nach Saratow zu senden. „Wir werden uns anfangs mit wenigen Waren an die Wolga begeben, um den Weg und die Aussichten zu erkunden, natürlich, wenn uns die russische Regierung den nötigen Schutz leistet." Notke übergab Seb einen Brief an den Stadthalter von Saratow und dazu noch ein Kästchen mit einem Kleinod, das er hoch schätzte, und bat, es persönlich dem Stadthaupt, Herrn Alexander Wassiljewitsch Tschertkow, auszuhändigen. „Damit wollen wir der Stadtverwaltung unsere Ehrerbietung bezeigen." Notke zog noch ein, Päckchen mit einem Brief hervor. „Dieses für den Ataman der Vorstadt Pokrowsk, Herrn Iwan Stanislawowitsch Kobsar. Wir hörten schon von seinem Großmut und Diensteifer. Ihm übergeben sie unseren Freiheitsgruß." Die Zeit der ersehnten Abfahrt war gekommen. Man befürchtete, daß die deutschen Länder, die die Auswanderung verboten hatten, von der Stadt verlangen könnten, die Ausfahrt der Auswanderer aus dem Hafen der Stadt zu verhindern. Doch die Stadt selbst dachte nicht daran, die Auswanderung zu verbieten, da der Verkehr mit Rußland die größten Einkünfte für die Schiffe brachte: Fahrten nach Obersee waren eingeschlafen, da in dieser Richtung alle Frachten jetzt über Hamburg gingen. Es war dunkel. Die niedrige, mit blassen Sternen besäte Himmelsdecke hing beinahe Ober den Baumkronen. Kühler feuchter Wind rauschte in den schweren Wellen des Flusses. Die Bündel wurden auf Fuhren gefahren. Die Auswanderer wurden von Freunden, die sie schon in der Stadt erworben hatten, begleitet. Die hohen Masten der Schiffe malten sich kaum merklich am Firmament ab. An einem Sechsmaster sah man Laternen leuchten. Auch hörte man Gemurmel von Menschenstimmen und mitunter laute Befehle de Schiffer. Am Schiff blieben die Auswanderer stehen. Florian Wagner starrte nachdenklich vor sich hin. Er sagte zu Seb: „Ich gehe nicht aufs Schiff. Ich fahre zurück zu Maria. Ich sehe sie vor mir, höre sie rufen. Auf das Meer gehe ich nicht allein." Seb, Katrin und die anderen versuchten, Florian zu beruhigen. Er aber trat zurück und verschwand. Seb, Katrin, Willem und Müller bestiegen das Schiff. Jeder besetzte eine Koje und richtete sich auf die weite Fahrt ein. In dem Schiffsraum war schwere Luft. Abscheuliche Gerüchte erschwerten das Atmen. Willem ging aufs Deck an die frische Luft Am Ufer stand eine Menge Begleiter aus der Stadt Willem übersah sie mit forschendem Blick. Unter den Menschen erkannte er plötzlich Luise. Sie hatte Willem auch bemerkt und winkte ihm zu. „Luise!" schrie Willem. Luise rief ihm zurück: „Willem! Viel Glück auf deiner Reise, kehre bald wieder zurück!" Dann ging sie weg und verschwand in der Menschenmasse. Willem war es, als müsse er das Schiff verlassen und Luise suchen. Doch er blieb. Am anderen Tag stach das Schiff in See. Fahrwind trieb es schnell voran. Bald sah man am Horizont die Küste Deutschlands nur noch als schmalen Streifen, der nach und nach ganz aus den Augen verschwand.
Drittes Kapitel KATHARINA II. Die Zarin Katharina II. saß am Tisch im kleinen Gastzimmer im neuen Winterpalais. Ihr gegenüber placierte sich Fürst Grigori Orlow. Katharina hatte ein prunkvolles Kleid an: himmelblauer Samt, mit Gold bestickt, am Hals weit ausgeschnitten. Nur eine durchsichtige Rüsche bedeckte die weißen reizenden Brüste der jungen Zarin. Das Leibchen lag fest um die Brust. Besonders hart schnürte es die Tail1e, von wo an der Reifrock voller Falten den Unterkörper gleich einer weiten Kuppel verhüllte. Grigori Orlow war bei Hof als schöner Mann berühmt. Er war einer der drei Brüder Orlow von der Garde, die Katharina am 28. Juni 1762 auf den Thron verhalfen. Damals war Grigori Offizier und in die Zarenfrau Katharina verliebt. Auch Grigori Orlow war für Katharina ein heißbegehrter Mann. Doch die Zarin mußte immer öfter ihre natürlichen Gefühle unterdrücken. Herrscherin zu werden, war das Ziel der jungen Prinzessin Sophia von Anhalt-Zerbst, als man ihr den russischen Thronerben, ihren Cousin Peter, den Prinzen von Holstein, zum Mann antrug. Mit fünfzehn Jahren kam sie nach Moskau, wo die Zarenfamilie residierte. Zu dieser Zeit regierte in Rußland die Zarin Elisabeth, die Tante des Cousins Peter. Die Zarin war sehr froh über die Braut für ihren Neffen. Nach einem Jahr, nachdem die Prinzessin von Anhalt-Zerbst russisch getauft worden war, ließ Elisabeth die beiden vermählen. Doch gleich am Anfang des Ellelebens fühlte Peter, daß er von Katharina weder Liebe noch Zärtlichkeit zu erwarten hat Bis zum Tode der Zarin Elisabeth lebten Katharina und Peter getrennt voneinander. Peter ließ aus Holstein eine Truppe Soldaten kommen, übernachtete bei ihnen, trug die Holsteiner Uniform und ließ die Holsteiner Buben zu seinem Vergnügen exerzieren. Später hatte sich Peter eine Meute angeschafft und widmete seine ganze Zeit der Dressur der Hunde. Nachdem Katharina ihren Mann, der als Peter III. den russischen Thron bestiegen hatte, mit Hilfe der Garde gestürzt hatte und selbst Zarin wurde, begann sie Autbaupläne für das Reich zu entfalten. Es waren eine ganze Menge: Gründung von Städten, Reformen in Handel und Verwaltung, Bau von Palästen, Kirchen und Schulen. Einer der größten und wichtigsten für sie war der Plan für die Wolga. Der große Strom sollte für Rußland das werden, was für die westeuropäischen Länder die sie umspülenden Meere waren. Sie sah in ihren Gedanken, wie sich das Land an der Wolga belebt und aufblüht. In ihrem Bericht erklärte Katharina: Die Untere Wolga ist eine Lücke wo der lange und für uns wichtige Wasserweg Wolga—Kaspisches Meer unterbrochen wird. In der Gegend gibt es keine christliche seßhafte Bevölkerung. Das Land wird von den nomadisierenden Heiden beherrscht, die uns feindlich gesinnt sind. Wir müssen es mit seßhafter Bevölkerung besiedeln und von da aus nach Mittelasien vordringen. Eroberung neuer Länder genehmigt uns jeder Mann. Sie stärkt die Vaterlandsliebe und die Regierungstreue. Katharina erließ ein Manifest über die Anwerbung von Ausländern zur Ansiedlung an der Unteren Wolga. Fürst Grigori Orlow war in dieser Frage von der Zarin empfangen worden. Er berichtete von den Einwanderern die vor ein paar Tagen auf einem Hansaschiff in Oranienbaum angekommen waren. Wie die Kommissare berichteten, sind die Akömmlinge sehr ermüdet, unter ihnen gibt es Kranke. Eine Person ist nach der Ankunft gestorben. Ein Arzt leistet den Kranken Hilfe. Einige Schwerkranke wurden zur Ader gelassen. Sie befinden sich nach der Pozedur in halbohnmächtigem Zustand, es besteht aber Hoffnung auf ihre Genesung. Essen und Ruhe werden alle bald wieder auf die Beine stellen. Ein Teil der Ausländer sagt sich ab, weiter zu reisen. Sie wünschen in der Hauptstadt zu bleiben. „Rebellieren?" fragte Katharina. „Vorläufig sind es nur Bitten. Drohungen waren noch nicht zu hören", erwiderte Fürst Grigori Orlow. „Und was sagt das Volk zur Ankunft der Ausländer?" „Uns Russen sind von Natur aus alle Ausländer zuwider. In der Garde sagt man: Peter hat uns Holsteiner Bengel auf den Hals gehetzt, Katharina bringt jetzt Deutsche zu uns ins Land." Die Zarin wurde gereizt und vor ärger rot. „Erklären Sie der Garde, daß diese Menschen keine Soldaten sind. Sie tragen keine Waffen. Es sind friedliche Menschen, die uns helfen werden, unser Reich zu festigen und zu vergrößern." „Ihre Majestät, die Garde befürchtet, daß die deutschen Kolonisten unser Reich untergraben werden.“ „Wieso?" fragte Katharina bestürzt. „Sie werden keine adeligen Herren über sich haben, was für uns verderblich ist." „Reden Sie weiter", befahl Katharina. „Wir befürchten Unruhen im Reiche, die unter den Kolonisten guten Boden haben können. Die Kosaken am Jaik murren bedrohlich. Die Ausländer bringen aus ihrer Heimat die Voltairesche Seuche mit sich, was Anklang bei uns finden könnte." „Ich halte dieses für unmöglich", widersprach Katharina. „Aber Rasin und Bulawin? In der Hauptstadt verbreitet ein junger Edelmann aus Saratow mit Namen Alexander Radistschew Voltairesche Ideen, die er aus Leipzig hierher gebracht hat. Radistschew hat Anhänger unter den Adligen." „Wie kann das sein?" fragte Katharina erbost. „Voltaire ist gegen die Adligen?" Grigori Orlow nickte schwermütig mit dem Kopf. „Es finden sich eben immer solche Menschen, die den Ast abhauen wollen, auf dem sie sitzen." Katharina saß eine Weile in Gedanken versunken. „Wir werden für die Ausländer ein Departement gründen", sagte sie dann, „welches sie gerade so regieren wird, wie die adligen Gutsherren ihre leibeigenen Bauern verwalten. In Deutschland ist die Leibeigenschaft faktisch aufgehoben. Wir können darum die Kolonisten nicht dazu zwingen." Grigori Orlow berichtete weiter: „Von den Vorstehern der schon an der Unteren Wolga bestehenden Kolonien trafen ernste Klagen ein. Sie behaupten, daß die Gegend ihrer Ansiedlung für seßhaftes Leben nicht geeignet sei. Besonders schlecht sei es in den Steppen am linken Ufer der Wolga. Große Dürre zerstöre die Saaten, das Gras verdorre und die Bäume vertrockneten. Von der brennenden und anhaltenden Hitze erkrankten Menschen und Vieh. Bei alledem sei der Sommer zu kurz, und man könne so wenig Feldarbeit verrichten. Auch klagen sie, daß die Nomaden, die sich in der Nähe der Kolonien aufhalten, mit ihrem Vieh ihre Saaten vernichten. Die Kolonisten bitten um eine geeignetere Gegend zur Ansiedlung und geben den Nordkaukasus an." Katharina war merklich erregt. „Man berichtete mir früher, daß die Kosaken aus der Vorstadt Pokrowsk in kurzer Zeit sehr reich geworden seien", sagte sie zu Grigori Orlow. „Die Pokrowsker Kosaken sind Salzfahrer. Sie weigern sich beständig, sich mit Landwirtschaft zu beschäftigen. Wahrscheinlich ist es für sie nicht vorteilhaft.“ Katharina befahl: „Schicken Sie sofort eine Expedition in die Umgegend von Saratow, die die Sachlage untersuchen und mir darüber Bericht erstatten soll." Nach einer Pause fügte Katharina in halblautem Ton hinzu: „Ehe die Ausländer dort zugrunde gehen und unser Geld verloren ist.“ „Der sachkundigste in der Naturerfarschung ist Peter Simon Pallas, ihn wird man mit der Expedition beauftragen müssen", sagte Grigori Orlow. „Das ist der Franzose mit dem deutschen Hezen? Ist er immer noch seinem Preußenkönig treu?" Grigori Orlow nickte zustimmend. „Teilen Sie seiner Expedition noch einige gelehrte Russen zu“, willigte Katharina nach kurzem überlegen ein.
Viertes Kapitel AUF RUSSISCHEM BODEN Kalter feiner Regen rieselte vom trüben schwereHimmel auf Oranienbaum herab. In den düsteren Nebel waren die alten Schlösser gehüllt. Das Meer wiegte sich langsam in schweren, festen Wogen weit bis an den Horizont. Oranienbaum war leer. Kronprinz Paul mit seinem Gefolge, der den Sommer hier verbrachte, war mit dem Herannahen des Herbstes nach Petersburg zurückgezogen. Es waren nur einige Aufsichtswärter, Restauratoren, Gärtner, Pferde- und Hofknechte zurückgeblieben. Diese aber gingen bei dem schlechten Wetter nur selten aus und wenn, dann ganz vermummt. Nur die Soldaten des Regiments Ingermanland, die Oranienbaum bewachten, schritten ausgerichtet, offen bei dem endlosen Regen durch die durchnäßten Straßen. Der Soldat darf Wetter und Zeit nicht beachten. Ihn darf nichts hindern, weder Schnee noch Regen, weder Berg noch Tal, weder Tag noch Nacht — alles muß er bezwingen. Das ist die Pflicht des Kriegers. Das Heer der Zarin Katharina II. bestand aus Landregimentern, deren Waffen nach außen gerichtet waren, und der Garde, die den Schutz des Thrones zu leisten hatte. Seit ihrem Bestehen hatte die Garde schon mehrere russische Herrscher vom Throne gestoßen, wenn deren Regieren dem Adel nicht gefiel. Die Garde war aus Adeligen rekrutiert und erfüllte deren Willen. In den langen siebzehn Jahren, wo Katharina auf die Zarenkronte wartete, hatte sie gut gelernt, daß man den Willen des Adels berücksichtigen muß, um ihn dann umgeformt als den seinigen ausgeben zu können, was ihr beim Adel stets das gewünschte Vertrauen verschaffte. Neben der Stadt, wo einst das Lager des Holsteiner Truppendetachements war, befand sich jetzt das Lager angeworbener Einwanderer, die vor ein paar Tagen auf einem Hansaschiff aus Lübeck angekommen waren. Müde von der langen und schweren Seefahrt, waren sie zufrieden, daß sie wieder auf festem Boden waren. Starker Gegenwind hatte bei den Leuten an Bord alle Geduld erschöpft. Die heimliche Angst vor Schiffbruch, die jeder den weiten Weg zu Wasser in sich trug, war geschwunien. Jetzt war man an Land und seinem Ziel schon viel näher. Eine Gruppe Männer hatte Streit. Es waren Bauern, die die ganze Fahrt ihre Zeit in Gesprächen über ihre Zukunft verbrachten. Karl Frank meinte, daß das vorteilhafteste Vieh für den Bauern das Rind sei. Der dicke Heinrich Schulz schrie Frank böse an:. „Und woher das Futter nehmen für so große Fresser, frage ich dich? Ein Halbdutzend Rindvieh braucht ein Landgut für sich als Weidegrund." „Wo eine Kuh frißt, dort gibt das Land mehr von dem Dünger, den du von der Kuh kriegst", erklärte Frank Schulz lachte laut dazu. „Die Kuh muß aber erst fressen, ehe sie Mist gibt", bemerkte Schulz. „Das ist doch nur am Anfang", sagte Frank. „Den Anfang machen, darin liegt gerade das Unmögliche in deiner Viehzucht", triumphierte Schulz. „Was erzählt ihr für Unsinn", fiel Salomon Klein ins Wort. „Kühe kann man halten, wenn man reich ist, und reich kann man nur werden, wenn man Schafe züchtet. Wenn schon von Nutzen die Rede ist, da geht nichts über das Schaf. Da hast du Wolle, und Wolle, das ist Tuch, und auch Fleisch und Fett hast du vom Schaf. Schafe, das ist ein heimlicher Reichtum." David Puhl unterbrach das Gespräch. Alle horchten auf. Man wußte, daß er ausgegangen war und etwas Neues mitteilen wird. „Ich traf einen Soldaten aus Saratow , sagte er. „Er lobt die Gegend." „Was hat er gesagt?", fragte Karl Frank. "Feld, erzählte der Soldat, sei dort viel. Auch Wald, Wiesen und Wasser. Nur gibt es in der Gegend keine Dörfer und Städte außer Saratow und Pokrowsk. Nur wilde Menschen ziehen dort umher und rauben und plündern, wo sie nur können." Schulz war so erschrocken, daß er sich duckte. „Man schickt uns dorthin, damit uns die Wilden umbringen", sagte er ganz traurig und ängstlich. „Umbringen, was ist dabei", sagte Frank böse, „wir werden uns schon wehren. Wenn es soweit ist, steht ein jeder von uns seinen Mann." Die Zuhörer nickten Frank beistimmend zu. Und doch waren sie verwirrt. Klein fragte, ob die Wilden an der Wolga groß und stark seien und ob sie auch mutig angreifen. David Puhl erzählte weiter, die Wolga sei so breit, daß man von einem Ufer das andere nicht sehen könne. Im Sommer wäre es dort so heiß, daß man im Sand Eier kochen kann. „Ihr Leute", stöhnte Klein, „uns erwartet nichts Gutes. Unser Bestes wäre umkehren — dorthin, woher wir gekommen sind." „Bist bange vor der Hitze?" fragte Puhl. „Den ganzen Weg hast du dich vor Kälte gefürchtet, jetzt fürchtest du dich vor Hitze. Was bist du für ein Mann? Hast nichts als Angst im Leibe." Die Männer lachten. Schulz sagte: „Du hast recht. Ein Mann darf sich nicht fürchten." „Ja", bestätigte Frank, „wenn man sich fürchtet, dann ist man sicher verloren.“ Die Aufregung bei den Männern hatte sich völlig gelegt, und ein anderes Gespräch wurde angeknüpft. Es war die Frage, was rihtig ist: Aus Liebe oder aus Berechnung zu heiraten. Da teilen sich wieder die Meinungen. Die einen sprachen sich für die Liebe, die anderen für den Vorteil aus. Besonders eifrig trat für die Heirat aus Liebe Salamon Klein ein. Er redete mit tiefem Gefüfhl und so gerührt, daß seine Stimme weinerlich klang. „Mein Bruder Abraham ist an einer Heirat ohne Liebe gestorben. Er mußte unsere Nachbarin Susanna heiraten, weil sie reich war und er Erbe des Hofes werden sollte. Abraham ekelte sich aber dermaßen vor Susanna, daß er bald nach der Heirat an Gelbsucht starb.“ „Da war dein Bruder aber ein niedlicher Kerl“, bemerkte Frank. „Ja, ja", bestätigte Puhl, „er brauchte einfach tagsüber nicht daran zu denken, daß Susanna seine Frau ist, und in der Nacht sieht man sowieso nichts." Ein lautes Gelächter brach aus. Als man der Gespräche müde war, spielte man Würfel. So vertrieb man sich die Zeit und hoffte, bald an die Wolga zu kommen. Katrin Linneberger saß auf ihren Bündeln und starrte müde in den Raum, der voll von sich langweilenden Menschen war. Ein Mann, nicht weit von Katrin, seufzte unzufrieden und sagte: „Wann hört nur mal das Sudelwetter auf, damit man sich wenigstens einmal in Rußland ordentlich umsehen könnte." Sein Nachbar lachte und erklärte: „So regnet es hier hundert Tage im Jahr, die restliche Zeit schneit es." Zu Katrin kam Willem Bach. Er war eben erst weggegangen und kam schon wieder zurück. Katrin sah ihm an, daß er was Wichtiges auf dem Herzen hatte. Willem war erregt wie nur selten. „Katrin", sagte er, „ergib dich dem Müller nicht. Sein Ziel ist nicht das deinige. Er will bei Hof bleiben." „Das ist doch gut, wenn er es fertigbringt. Müller sagt, daß seine Bittschrift bei der Zarin zum Entscheid kommt", erklärte Katrin. „Aber die Ehre und das Gewissen", sagte Willem und seufzte tief. „Verliert er etwa seine Ehre, wenn er bei Hof dient?" fragte Katrin. „Nein, verlieren vielleicht nicht, aber er darf seine Ehre nicht zeigen. Wer Herren bedient, muß seine Ehre und sein Gewissen gut versteckt halten." „Wenn man eins will, muß man das andere verlieren", sagte Katrin. Nach kurzem überlegen fügte sie hinzu: „Dabei muß jeder selbst wissen, was wichtiger ist." „Für mich;",, sagte Willem, „ist eine Handvoll. Freiheit mehr wert als ein reichliches Festessen und das weichste Federbett in einem schönen Schloß.“ Willem holte wieder tief Luft. „Lieber auf Stroh in einer Hütte schlafen als in den Federn als rechtloser Diener eines Herrn". „Willem", sagte darauf Katrin, „da müssen wir uns eben hier trennen. Du fährst an die Wolga, und wir bleiben hier in der Hauptstadt." „Das wird nicht geschehen", sagte Willem kurz und schroff. „Warum?" fragte Katrin. „Warum, fragst du mich? Weil ich dich liebe", sagte Willem. „Du hast mich bis ins Herz erschreckt", antwortete Katrin. Vor Erregung war sie bleich geworden. „Hast du bis jetzt nicht gemerkt, daß ich nur dich sehe, mich immer bei dir aufhalte, nur für dich lebe?" „Ja, aber ich dachte nie, daß du es mir sagen wirst.“ „Ich wollte es auch nicht sagen, nie in meinem Leben. Aber, ich bin nicht mehr Herr über meine Gefühle." „Über deine Zunge hättest du doch Herr bleiben sollen. Was versprichst du dir von der Liebe zu mir?" fragte Katrin ernst. „Was ich bis jetzt davon hatte: dich in meiner Nähe." „Für mich bedeutet das ein großes Unglück, ewige Qual. Zwei Männer kann ich nicht lieben. Ich müßte dann heuheln und lügen. Das kann Ich nicht machen, da komme ich vorzeitig um mein Leben.“ „Verzeih mir, Katrin, daß ich so unbedacht gehandelt habe.“ Willem senkte beschämt den Kopf und starrte auf den Fußboden. Katrin blieb auch eine Weile still, dann erhob sie ihren Blick treuherzig zu Willem und sagte: ,,Wir werden an die Wolga fahren. Seb sagte mir auch, daß Diener sein kein leichtes Los ist.“ Müller ging unruhig im Lager umher. Sein Geld hatte er bereits versoffen, und jetzt suchte er, ob er nicht irgend jemanden auf Leim locken könnte. Er ließ sich wieder bei Philipp Schreiner nieder. Schon vielmals machte Müller auf den Weinkrug, den Schreiner aus Hessen mit sich hatte. Schreiner hatte sich das Gelöbnis gegen, den Krug in Rußland, wenn er am Ansiedlungsort ort angekommen ist, zu seinem künftigen Glück auszutrinken. Müller erzählte, daß er bei Hof bleibt, mit einflußreichen Höflingen Freundschaft schließen wird, so daß er Schreiner dann helfen kann. Schreiner brummte böse. „Das habe ich nicht nötig und glaube auch nicht daran. Die sind mir viel zu schlecht und zu sündhaft." „Hilfe", sagte Müller, „kann man auch vom Feind annehmen, das Gewissen verbietet das nicht." „Schweige mir wegen den Fürsten. Es gibt nichts Gemeineres als solch einen Landesherrn. Ich will von ihnen nichts und bin deshalb nach Rußland gegangen, um mir selbst zu helfen." Neben Philipp Schreiner saß Johann Haal. Er winkte Müller zu sich. „Hoffen Sie nicht darauf, Müller, daß Sie an den Hof kommen. Ich habe gestern mit einem Gärtner vom Schloßgarten gesprochen. Der Mann ist Franzose und heißt Lamberti. Er spricht gut deutsch und ist offenherzig. ,Die Zarin Katharina II.’, sagte er mir, ,entläßt alle Ausländer aus dem Hofdienst, um nicht in den Verdacht zu kommen, sie sei nicht für die Russen. ’“ Müller schaute sich eingeschüchtert um. „Könnte man doch ein Glas Wein auftreiben, um sich zu beruhig | ||